Impuls 11.10.2020

Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 23.08.2020

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Lukas 18,9-14

Liebe Gemeinde! Die Pharisäer haben einen schlechten Ruf. In der Bibel werden kommen sie immer wieder mit Jesus von Nazareth in Konflikt. Sie sind die „Verbohrten“, welche es „nicht verstanden haben“. Zu ihrem üblen Leumund hat unser Predigttext maßgeblich beigetragen. Hier ist er, der Vorzeigeheuchler, der sich fromm und gut wähnt – und den anderen verachtet. Es ist wichtig, hier klar zu sagen: Die Pharisäer waren auch nur Menschen. Und sehr engagierte noch dazu. Sie wollten Ernst machen mit der Suche nach Willen Gottes. Sie kannten sich in der Heiligen Schrift aus und versuchten, diese nach bestem Wissen und Gewissen in die Tat umzusetzen. Sie wollten ihr Leben danach ausrichten, was Gott von ihnen erwartete. Damit stehen sie in ihren Zielen dem Rabbi aus Nazareth und seinen Anhänger*innen nahe, sehr nahe. Man darf annehmen, dass sie die besten Gesprächspartner Jesu waren. Wo sich Menschen nahe sind, wo sie ähnliche Ziele verfolgen, da geht es nicht selten auch hart zur Sache. Denn Jesus Christus hat zwar dasselbe Ziel, er verfolgt aber einen anderen Weg. Nicht der Wortlaut der Schrift, so wichtig er ist – und Jesus kannte seine Heilige Schrift, das heutige Alte Testament – führt zum Ziel, einem gottgefälligen Leben. Sondern die Auslegung der Schrift muss sich an der Liebe messen lassen. Wir dürfen annehmen, dass Jesus Christus sich gerne mit den Pharisäern auseinandergesetzt hat, dass er diskussionsfreudig war und beide Seiten hatten ihre Argumente. Das macht den Austausch interessant und zuletzt auch fruchtbar für beide Seiten.

Liebe Gemeinde! Der Pharisäer im Tempel tut das Richtige, das ist ein Clou dieser Geschichte. Er weiß sich Gott verbunden und versucht, sein Leben nach dessen Willen auszurichten, die Welt zu gestalten. Er ist charitativ engagiert, er spendet mehr, als er muss. Die Armen können auf seine Unterstützung bauen. Keine Gesellschaft kommt ohne solche Geister aus! Sie würde zerbrechen, wenn es nicht Menschen gäbe, die sich engagieren, die mehr geben, als sie müssten. Die als Wohlhabende um ihre Verantwortung wissen.

Der Text des Lukasevangeliums zeigt aber, darum ist er geschrieben und dafür ist er bekannt, die Gefahren. Die Wohltätigkeit des Mannes ist vergiftet durch die Überheblichkeit, den Hochmut, der Raum greift. Die Selbstzufriedenheit macht den Mann blind für seinen Nächsten. Er schaut auf den Zöllner herab.

Dieser wiederum ist auch ein bemerkenswerter Teil der Geschichte. Denn er steht im öffentlichen Ansehen, ganz anders als der freigiebige Pharisäer, nicht gut da. In seinem Beruf ist er für die Zolleinnahmen der Besatzungsmacht zuständig. Man würde heute sagen, er ist ein Kollaborateur. Die Zöllner machen sich die Hände schmutzig – verdienen selbst nicht schlecht daran.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist hier: Warum ändert er sich nicht? Er könnte doch umkehren und beschließen, den Beruf zu ändern, den Armen zu spenden, weniger Gebühren zu nehmen und damit seinen Gewinn zu einem guten Zweck zu beschränken. Aber nichts von dem ist hier auch nur angedeutet. Vielleicht wäre das auch zu einfach. Für den Zöllner würde es ein erhebliches Risiko bedeuten, seinen Beruf aufzugeben. Er hat wohl eine Familie zu ernähren. Es ist nicht so einfach zu sagen: Mach es halt. Er hat diesen Beruf ergriffen, vielleicht geerbt, und aus den Strukturen auszubrechen, das ist nicht immer leicht.

Liebe Gemeinde! Das ist der Punkt. Die beiden sind in ihren Strukturen zuhause. Sie kennen es nicht anders. Sie verharren darin, vermutlich auch weil ein Ausstieg für beide schmerzhaft wäre. Der Pharisäer müsste sich seine eigenen Grenzen aufzeigen, sich selbst hinterfragen. Der Zöllner müsste sein doch behagliches Auskommen, seine wirtschaftliche Sicherheit infrage stellen.

Lukas schreibt hier keine Bekehrungsgeschichte. Beide gehen, zumindest äußerlich, so nach Hause, wie sie gekommen sind. Sie schaffen es nicht, auszubrechen. Nichts würde Lukas hindern, es so zu schildern. Er schreibt auch Geschichten über bekehrte und geläuterte Zöllner. Aber weil er das hier gerade nicht tut, nimmt er die Menschen in ihrer Realität ernst. Das ist der Grund, warum wir die Bibel ernst nehmen können, weil sie uns ernst nimmt.

Dass wir wissen, was richtig ist, aber oft nicht schaffen, dem zu folgen. Der eine möchte spenden, für ProAsyl oder die Krisenhilfe, aber es wird verschoben und irgendwann denkt er sich: das wollte ich doch auch noch tun. Mit der Freundin, mit der sich eine andere zerstritten hat, möchte sie doch mal wieder reden, mal anrufen, vielleicht am Geburtstag… aber das schmerzt, ist unbequem, wird verschoben auf ungewiss. Ein anderer ist am Arbeitsplatz unglücklich, der Druck, die Kollegen, es passt nicht. Die Suche nach etwas Neuem würde ihm guttun, das weiß er. Aber die Unsicherheit ist größer, die Angst, vor dem Nichts zu stehen.

Andere sind selbstzufrieden. Ich arbeite viel, also verdiene ich auch gut. Gott sei Dank bin ich nicht so einer, der den Hintern nicht hochbekommt und von der Stütze leben muss. Jetzt bin ich dran, mir etwas zu leisten, jetzt habe ich mir das zweite Auto verdient. Irgendwie eine Zufriedenheit mit Beigeschmack. Eine ungesunde Zufriedenheit. Denn sie misst sich an der erbrachten Leistung im Geben und Glauben. Zöllner und Pharisäer, sie stecken wohl in jedem Menschen. Und jeder steckt in den beiden dieser Geschichte.

Die Bibel nimmt Menschen in ihrer Realität ernst. Die beiden ändern sich nicht. Aber es geschieht doch etwas. Der eine geht gerechtfertigt nach Hause, der andere nicht.

Liebe Gemeinde! Lukas geht es um die innere Ausrichtung. Der Zöllner ist sich seiner Lage, seiner Defizite, bewusst und er hadert damit. Der Pharisäer sieht seine innere Leere nicht. Er schüttet sie zu mit einem guten Gewissen und einem festen Glauben. Es geht aber darum, dass wir auch unsere Realität ernst nehmen, so wie Gott sie ernst nimmt. Lukas möchte einen Weg aufzeigen, wie man zu einem Leben kommt, das ehrlicher an der eigenen Realität ist. Das ist wichtig, denn nur so kann auch ein Weg in eine bessere, stimmigere Wirklichkeit beschritten werden. Der Zöllner ändert sich (noch) nicht. Aber er hat einen ersten Schritt getan. Wenn sich ihm eine Chance auf Veränderung bietet, wird er anders darüber nachdenken. Er wird seine Umwelt und seine Mitmenschen mit einem anderen Blick sehen. Denn er gesteht sich sein Leben offen ein und weiß, dass er auf Hilfe angewiesen ist. Darum bittet er Gott. Um Gnade. Das ist die Bitte, die dem menschlichen Leben mit seinen Zwängen und ja, auch seinen Bosheiten, angemessen ist. Die Erkenntnis, dass wir nur bedingt Einfluss haben, dass es die Gnade braucht, damit das Leben in Ordnung kommt. Diese Erkenntnis ist ein Anfang, aber ein großer Schritt.

Jesus Christus hat diese Gnade gepredigt. Wir sollen uns an der Gnade Gottes, an der Liebe messen lassen, wenn wir unsere Realität bedenken und ernst nehmen. Das ist der erste, große Schritt. Diesen Weg zu beschreiten in letzter Konsequenz ist schwierig. Aber durch die Ehrlichkeit wird hier ein Fenster geöffnet. Hier kann etwas passieren. Bei uns, beim anderen und bei Gott.

Jesus spricht nicht über den Pharisäer, über den Selbstgerechten, er spricht, wie am Textanfang genannt, zu denjenigen. Er spricht auch zu den Zöllnern, mit denen er am Tisch sitzt. Beide Seiten sollen sich verändern, sollen etwas über die Liebe lernen, welcher die Erkenntnis vorausgeht, dass mein Leben unzulänglich ist. Der Weg zu einer Selbstzufriedenheit, die nicht heuchlerisch ist, wird hier nicht vollendet. Es ist keine Bekehrungsgeschichte. Aber dieser Weg beginnt. Ein Weg zu einem miteinander, in dem wir die Unzulänglichkeit erkennen und zu einem neuen Blick auf uns selbst und den anderen finden sollen. Ein liebevoller Blick, ein an der Mitmenschlichkeit und Gnade orientiertes Leben. Das trägt zu einer gesunden Zufriedenheit bei. Zum Frieden mit uns selbst. Und zum Frieden mit Gott. Also einer Zufriedenheit Gottes!    Amen.      Pfarrer Jörg Boss

Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.08.2020

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Römer 11,25-32

Liebe Gemeinde! Als einer der besten Denker der deutschen Theologie des 20. Jahrhunderts gilt der Göttinger Professor Emanuel Hirsch (1888-1972). Er hat heute noch lesenswerte Texte zur Theologiegeschichte verfasst. Wer die großen Theologen des 19. Jahrhunderts verstehen möchte, findet bei ihm verständliche und fundierte Erklärungen. Er hatte aber einen entscheidenden und unverzeihlichen Fehler: Er war ein glühender Nazi. Theologischer Berater von Reichsbischof Ludwig Müller und überzeugter Anhänger Adolf Hitlers. Gerne wäre er wohl so etwas wie der theologische Wortführer der Nazis geworden – aber selbst ihnen war er wohl zu seltsam, zu überzeugt fast möchte man sagen. Er ging so weit, kritische Kollegen und Studenten zu denunzieren. Im Studium haben wir einen Text von ihm gelesen, der uns sprachlos gemacht hat. Darin versucht er mit einer hanebüchenen Argumentation zu beweisen, dass Jesus Christus kein Jude war. Was soll man dazu sagen?

Ein so belesener, intelligenter Mann, und gleichzeitig so daneben. Es ist auch eine Lektion darüber, dass Bildung offenbar nicht zwangsläufig vor Rechtsextremismus schützt. Das erleben wir auch heute. Es braucht, um den bösen Versuchungen der Macht und der Verblendung zu widerstehen wohl etwas anderes. Man kann es Herzensbildung nennen!

Dass man das Gelesene nicht nur versteht, sondern es zum Guten der Menschen fruchtbar machen kann. Dass die Berichte und Texte der Vergangenheit einen im innersten berühren, nicht nur in Gedanken, sondern eben auch im Herzen. Christliche Bildung soll genau das bewirken, dass man sich anrühren lässt von der Frohen Botschaft, der die Mitmenschlichkeit innewohnt. Aber es ist wichtig zu sagen, dass man dazu kein Christ sein muss. Es gibt mitfühlende, angerührte Menschen jedes Glaubens und jeder Überzeugung. Anders gesagt: Um dem Rechtsextremismus, oder wie er verharmlosend genannt wird, dem Rechtspopulismus, etwas entgegenzusetzen, braucht man keine christliche Theologie, man braucht anständige Menschen.

Liebe Gemeinde! Emanuel Hirsch ist mit seinem Text über Jesus Christus als Nichtjuden ein extremes Beispiel für den Antisemitismus, dessen schlimmste Ausprägung wir zu seinen Lebzeiten gesehen haben. Aber die Ansicht, dass Juden eben doch irgendwie anders seien, dass sie besonders wohlhabend seien und mit ihrem Geld ihre Interessen vertreten, eine verschworene Gemeinschaft seien, die Machtinteressen verfolge, diese Gedanken kennen wir alle, sind ihnen bestimmt schon begegnet. Bis hin zu den kruden Verschwörungsmythen unserer Zeit.

Ich hatte es nicht für möglich gehalten, aber auch die Ansicht, sie hätten ja den Herrn Jesus umgebracht, ist mir schon begegnet. Das hatte ich für längst überholt und belanglos erachtet. Nebenbei bemerkt: Die Römer haben ihn verurteilt und nach allem, was wir historisch über Pontius Pilatus wissen, hat er einen feuchten Kericht darauf gegeben, ob da einer mehr oder weniger gekreuzigt wird.

Wenn man Texte von Emanuel Hirsch liest, kann man viel lernen, man muss sich aber dessen ideologischem Hintergrund bewusst sein. Auch heute ist Kritik an der Politik des Staates Israel berechtigt. Aber man muss sich bewusst sein, dass andere diese Kritik benutzen, um antisemitische Vorurteile voranzubringen. Mit einem „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“ ist es nicht getan. Es braucht viel Überlegung und eine klare, fundierte Stellungnahme, wo Vorurteile in die politische Diskussion eindringen.

Liebe Gemeinde! Die Ausgrenzung der Juden hat viele Ursachen. Eine ist die alte, immergleiche Geschichte, dass es einfacher ist, auf Minderheiten herumzutrampeln, Sündenböcke für allerlei Missstände zu finden, als dass man die echten Ursachen (soziale Ungerechtigkeit etc.) anpackt und konstruktive Lösungen sucht. Das war im Alten Rom unter Kaiser Nero so und ist bis heute ein Rezept, dass offenbar immer wieder greift. Eine andere Ursache ist freilich der Siegeszug des Christentums über die Jahrhunderte, und die theologische Auseinandersetzung mit der Mutterreligion. Auch diese ist allzu oft der simplen Abgrenzung aufgesessen: Sie haben es nicht verstanden, sie glauben nicht an Christus, sie haben ihn umgebracht… Kurz: Wir Christen sind die Guten.

Die Begründungen für Diskriminierung von Minderheiten greifen oft ineinander, sie wiederholen sich und finden viel ideologisches Schmiermittel in der Unterschiedlichkeit der Religionen.

Liebe Gemeinde! Auch Paulus war davor nicht gefeit. Er selbst war zuerst ein zutiefst gläubiger und kompromissloser Jude – ein Pharisäer. Diese Gruppe wird im Neuen Testament oft als „die Bösen“, die Widersacher Jesu dargestellt. Dabei waren sie wohl seine besten Gesprächspartner. Denn sie nahmen ihre Überlieferung sehr ernst, suchten ein Leben, das gottgefällig und sinnvoll ist. Da gab es viel zu diskutieren, viel zu ringen mit dem Prediger aus Nazareth, der dasselbe Ziel hatte, aber einen ganz anderen Ansatz, es zu erreichen.

Paulus wird sich zum Christentum bekehren, und genau wie in seinem früheren Glauben brennt er auch hier für das, was er für sich als richtig und wichtig erkannt hat. Seine Überzeugung ist, dass jeder und jede zum christlichen Glauben kommen darf, unabhängig ob Jude oder Heide. Das hat ihn in Konflikt gebracht – nicht zuletzt mit Petrus. Und in seinen frühen Briefen polemisiert er gegen das Judentum.

Wir haben heute als Predigttext aber einen späten Brief. Den an die gemeinde in Rom, den ein gealterter, mit vielem Nachdenken gereifter Paulus geschrieben hat. (Er bezeichnet sich darin als „alten Mann“, was damals bedeutete, dass er über 50 Jahre alt war.) Er sieht seine Mission im Nahen Osten als vollendet, jetzt will er nach Rom kommen.

In fortgeschrittenem Alter betrachtet er seine Umgebung, die steigende Zahl der Christinnen und Christen, differenzierter. Er ist nach wie vor überzeugt von seiner Sache, aber der jugendliche Überschwang oder auch der glühende Fanatismus scheint nachgelassen zu haben. Zum einen erinnert er sich daran, dass er selbst jüdischer Herkunft ist – und ist stolz darauf. Und dass der Gott, der in Christus Jesus angebetet wird, den er verkündet, der Gott Israels ist, war immer klar für ihn. Zum anderen sieht er in der steigenden Zahl von Christinnen und Christen auch wieder eine Tendenz zur Ausgrenzung anderer. Die einstige Minderheit emanzipiert sich und jetzt kommt gegenüber den Juden das Gefühl auf: Wir haben die Wahrheit, wir sind die Guten.

Er ist ein Kenner der jüdischen Tradition und des christlichen Glaubens, aber hier kommt seine Herzensbildung zum Vorschein.

Denn er sagt: Halt! Liebe Christinnen und Christen, was erhebt Ihr Euch über die anderen? Denkt doch daran, dass die Wurzel Eures Glaubens, die Verheißung Gottes, bei den Juden liegt! In Römer 9-11 führt er das aus, unser Predigttext ist nur der Höhepunkt und Abschluss seiner Überlegungen. Die Verheißung Gottes gilt, und darum werden die Juden errettet. Man kann soweit gehen, zu sagen, wie es Klaus Berger einmal getan hat: „Liebe Christinnen und Christen, seid froh, dass ihr überhaupt dabei seid.“ Denn die Wurzel trägt den Baum und nicht umgekehrt. Gott steht zu seiner frohen Botschaft, der verheißenen Erlösung.

Liebe Gemeinde! Das ist Herzensbildung, das ist die Art, wie wir mit anderen umgehen sollen. Der Weg aus dem einfachen und billigen Gewinn durch Überhebung des eigenen und Abwertung des anderen. Man kann das mit gutem Recht im Blick auf unsere Welt heute ausweiten auf die Situation unserer Zeit, in der verschiedene Religionen miteinander umgehen müssen und nebeneinander leben dürfen. Menschen suchen Sinn und Erlösung von den Schwierigkeiten und Schwächen des Lebens. Und darin sind wir alle einander gleich. Und Gott ist zu den Menschen gekommen. Er hat Erlösung verheißen und das gilt!

Freilich, auch das betont Paulus, die Überzeugungen unterscheiden sich. Es braucht das Gespräch, den Austausch, das Ringen. Aber wir sind nicht besser als die anderen. Ungehorsam, wie Paulus das nennt, gibt es in jeder Religion, in jedem Leben. Auch die Christinnen und Christen, auch wir leben nicht immer so, wie Jesus Christus das gewollt hätte. Aber am Ende zählt: Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Die Erlösung ist geschehen, und niemand kann sie exklusiv für sich beanspruchen, weil jeder selbst Teil der zerrissenen, widersprüchlichen Welt ist. Eine Welt, in der jeder seinen Platz, seine Erlösung wünscht und sucht. Wir brauchen den anderen! Mit seinen Überzeugungen, seinem Glauben, weil wir immer wieder selbst unsere eigene Meinung und unseren Glauben hinterfragen müssen. Nur so reifen wir, nur so bilden wir unser Herz. Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. So heißt es im Alten Testament, und Jesus Christus nimmt das auf. Gott ist größer. Dass wir Recht haben heißt nicht, dass der andere im Unrecht ist. Vielmehr finden wir die Wahrheit für unser Leben nur in der Auseinandersetzung. Und im Vertrauen darauf, dass Gott mit seinem Versprechen, mit seiner frohen Botschaft, alles zusammenhält. Amen.

 

Jörg Boss

9. Sonntag nach Trinitatis, 09.08.2020, 10h15 Atzenweiler

Und des Herrn Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. 9 Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. Jeremia 1,4-10

Liebe Gemeinde! Gott tritt in das Leben eines jungen Mannes. Gott nimmt ihn in Beschlag. Der junge Mann wird überfahren, überrumpelt. Er begreift sehr wohl, was Gott von ihm verlangt. Welcher Auftrag, welcher Weg ihn da erwartet. Sein Leben wird sich für immer verändern. Dabei hat es noch gar nicht recht begonnen. Verständlich, dass er zurückschreckt. Ich bin zu jung! Ich bin dem, was Du verlangst, nicht gewachsen! Vielleicht später einmal, vielleicht nie. Aber auf keinen Fall jetzt. Ich habe andere Pläne für mein Leben.

Ein paar berühmte Kollegen Jeremias reagieren da anders. Der Prophet Hesekiel wird von einer Herrlichkeit zur anderen verklärt. Der Prophet Jesaja schaut Gott im Tempel und reagiert prompt: Hier bin ich, sende mich! Nicht so unser junger Mensch, nicht so Jeremia! Gott kommt mit knappen Anweisungen. Geh – predige! Kompromisslos wird das Schicksal dieses Menschen – im Frühling seines Lebens – besiegelt. Den Einwand – ich tauge nicht zu predigen; ich bin zu jung – lässt Gott, nicht gelten. Jeremia muss seinem Schicksal ins Auge sehen. Gott kennt diesen Weg. Gott kennt meinen Weg – aber ich, kann ich diesen Weg gehen – und jetzt schon? Ich denke da besonders auch an unsere Jugendlichen, unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden. Bin ich dem gewachsen, mich mit meinem Glauben auseinanderzusetzen, so dass ich ihn in einem Jahr frei bekennen kann? Und so geht es das ganze Leben. Irgendwann muss ich mich für einen Beruf entscheiden muss diesen Beruf ergreifen. Bin ich dem gewachsen? Ich bin doch zu jung, dem „Ernst des Lebens“ schon die Stirn zu bieten. Das Leben ist immer Veränderung. Altes wird verabschiedet, Neues beginnt. Heiraten? Mich binden? Dazu bin ich zu jung! In Rente gehen? Das Berufsleben abschließen. Was kommt jetzt noch? Herr, ich bin zu jung!

Ich, der Mensch, trage wohl beides in mir. Ein Stück von Jesaja, ein Stück von Jeremia. Veränderungen im Leben erschrecken mich. Besonders, wenn sie mich unvorbereitet treffen. Aber da ist auch der Drang nach vorne Es heißt anpacken. Sich dem Schicksal stellen. Ich lerne das – weil ich es muss und darf.

Jeremia versteht das. Er wird nicht gefragt. Vielmehr wird er genötigt. Erschreckt will er abwehren, will sich zurückziehen. Aber er erkennt doch auch: Es gibt keinen anderen Weg. Geh – predige! So macht Jeremia sein Schicksal, dass nun vor ihm steht, nun auch zu seiner Sache. Er geht und predigt. Sein Weg wird ein Leidensweg. Außenseiter wird er sein. Feinde wird er haben und sich mehr als einmal wünschen, er wäre nie zur Welt gekommen. Aber es wird sein Weg sein! Unverwechselbar und unvertretbar. Kein anderer kann diesen Weg gehen, weil es Jeremias Weg ist. Die Zeit vergeht. Veränderungen stehen an. Ich gehe meinen Weg. Es ist meine Zeit, es ist mein Weg. Mein Weg zur Konfirmation. Mein Weg in den Beruf. Mein Weg in die Beziehung. Ein Weg voller Erfolge und Niederlagen. Ein Weg voller Leiden und nicht selten voller Tränen. Aber auch ein Weg voller Lachen und Hoffnung. Vor allem aber, mein Weg! Manches Alte wird wehmütig zurückgelassen. Die Toten, die ich geliebt habe. Mein Traumberuf, der mir aufgrund meiner Noten oder meiner Begabungen verschlossen blieb. Neues beginnt, andere Menschen treten in mein Leben. Ein neuer Beruf. Neue Gesichter, neues Leben. Ich akzeptiere vieles – muss vieles akzeptieren. Ich protestiere, ich klage an. So entwickelt sich mein Leben vor meinen Augen. Und ich entwickle mich auf meinem eigenen Weg!

Gott beschönigt dabei nichts. Er sagt nicht zu Jeremia: Komm, hab Dich nicht so, es wird halb so schlimm. Gott gibt sich keinen Illusionen hin. Er gibt auch Jeremia keinen Illusionen hin. Aber er lässt ihn zwei Dinge wissen: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete. Ich kenne Dich – ich kannte Dich immer! Ich bin für Gott kein Unbekannter. Bevor irgendein Mensch an mich dachte, da war ich schon in Gottes Gedanken. Da stand Gott mein Weg schon vor Augen. Er kennt meinen Weg!

Und so gibt Gott Jeremia und mir zum Zweiten die Zusage: Fürchte dich nicht; denn ich bin bei dir und will dich erretten. Unserem Schicksal können wir nicht entkommen. Unseren Weg müssen wir wohl oder übel gehen. Und nicht immer haben wir die Dinge im Griff. Nicht selten ist dieser Weg voller Ironie. Aber wohin dieser Weg auch führt. Welche Schwierigkeiten sich uns in den Weg stellen mögen – Gott sagt uns zu: ich bin bei dir und will dich erretten. Und er sagt den wichtigsten Satz der Bibel: Fürchte dich nicht!

Amen.

 

Jörg Boss

Andacht 17.07.2020 zum Anhören

Andacht 02.06.2020 zum Anhören

Ein Gedicht - 16.05.2020

Lieder 24.04.2020 zum Anhören

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