Gottesdienste Oktober - November

Predigt am 13.09.2020 - zum Anhören

Predigt am 06.09.2020 - zum Anhören

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis – 30.08.2020 - zum Anhören

Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 02.08.2020

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder. (Johannes 9,1-7)

Liebe Gemeinde!

Das junge Paar, das mich im Vikariat abends gerufen hatte, war mit einem Schicksalsschlag konfrontiert. Eine Frühgeburt am Abend zuvor, das Mädchen war nach einem Tag verstorben. Und selbst wenn es überlebt hätte, wäre es schwerstbehindert gewesen.

Im Gespräch äußerten die beiden offen ihre Suche nach einem Schuldigen, die sie begonnen hatten. Waren es die Katzen, die irgendwelchen Schmutz und Krankheitserreger ins Haus gebracht hatten? War es der Widerwille der Eltern gegen die Beziehung, den diese sehr schmerzhaft geäußert hatten? Waren es die Eltern selbst, die in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen hatten – also quasi die Bestrafung durch das Schicksal? War es gar das Kind selbst, das sie so dreist nach einem Tag allein gelassen hatte? Sie machten ihm Versprechungen, Spielzeug sollte es bekommen und ein eigenes Pony, wenn es nur überlebte, wenn es bei ihnen bliebe. Aber die beiden waren sich klar, dass all dies nur hilflose Versuche waren, Ursachen zu benennen, wo keine zu finden waren.

Der Mensch sucht nach Erklärungen! Erklärungen zu finden bedeutet, hinter dem, was über einen hereinbricht, einen Sinn zu finden. Das hat mit dem Wunsch nach Ordnung zu tun und mit der Suche nach Sinn, die uns Menschen innewohnen. Was geschieht muss verstanden werden, damit wir uns in der Welt sicher fühlen. Das Leben ist letztendlich unberechenbar, das weiß jeder, aber wo ich Erklärungen finde, da habe ich es wenigstens teilweise im Griff. Was ich verstehe, das macht mir weniger Angst.

Folglich wird dann aber alles, was wir nicht erklären können, schnell als bedrohlich erlebt. Unberechenbarkeit ist gefährlich. Wo die Ursachen unklar sind, da macht sich Angst breit.

Schicksalsschläge sind das Unberechenbare. Die Frage nach Schuld schafft sich bei Krankheit und Tod schnell Raum.

Das ist nicht abzuwerten. Es ist wichtig für die Betroffenen, einen Sinn zu finden, auch wenn er in der Schuld liegt. Ich bin schuldig, aber ich habe eine Erklärung, ich kenne die Ursache. Die Eltern des toten Kindes haben einen Halt gesucht. Sich einzugestehen, dass es keinen Sinn dahinter gibt, das hätte sie im ersten Schock um den Verstand gebracht. Eine andere Sache ist, ob ich bei dieser Erklärung stehenbleibe. Sie ist eben nur ein Schritt auf dem Weg!

Dieses Fragen nach Schuld ist so alt wie die Menschheit. Hier in der Geschichte haben wir es gehört. Die Blindheit des Mannes macht den Begleitern Jesu zu schaffen. Hat dieser gesündigt oder seine Eltern? Eine Erklärung scheint nötig angesichts der Behinderung – und jetzt geht es an das Suchen: Wer hat gesündigt? Wer ist schuld?

Und da antwortet Jesus Christus ganz knapp: Weder er noch seine Eltern. Niemand ist schuld! Mehr noch, die Herrlichkeit Gottes soll an diesem Menschen offenbar werden!

Wir erleben Behinderung, Krankheit und Tod als Defizit. Das ist nicht „normal“ – und darum nicht erklärbar, sondern angstbesetzt. Aber das gilt nicht bei Gott. Er sieht in Krankheit und Tod keine Schuld am Werk, er sieht auch kein Defizit, sondern er sieht den Menschen so, wie dieser ist. Und diesem Menschen gilt seine Liebe wie sie jedem Geschöpf gilt, voraussetzungslos und uneingeschränkt. Das illustriert Christus mit dem Heilungswunder.

Liebe Gemeinde, nichts liegt mir ferner, als beschwichtigen oder vertrösten zu wollen. Nicht jeder Kranke wird geheilt, im Gegenteil, viele sterben, ohne einen Sinn zu kennen. Es wäre vermessen und bösartig, dieses Wunder als Maßstab zu nehmen. Dann wären wir wieder im menschlichen Denken: Ein Defizit ist vorhanden, Gott schafft es aus der Welt. Gerade darum geht es nicht. Sondern vor Gott gibt es kein Defizit! Vor Gott gibt es nur Menschen mit ihrem Leben und ihrer Geschichte, und er trägt sie alle!

Heilung heißt nicht, dass der Blinde sehen kann. Heilung heißt nicht, dass das kleine Mädchen die Frühgeburt überlebt und nachher ein Pony reiten und fröhlich ein „normales Leben“ führen kann.

Heilung heißt, dass Gott das Leben heil macht, wie es auch immer beschaffen sei. Das macht Christus den Menschen mit dem Heilungswunder klar. Dass das Leben des Blinden heil ist, zeigt er ihnen, indem er es in der Art heil macht, die sie unmittelbar verstehen!

Liebe Gemeinde! Zugespitzt kann man sagen: Es ist für das Verständnis dessen, was hier passiert, unwesentlich, ob der Blinde sein Augenlicht bekommt. Vielmehr brauchen die Begleiter, und das heißt wir, Heilung. Die Heilung des Blickes auf den anderen, der so gar nicht unserem Bild von Normalität entspricht, dessen scheinbares Defizit uns Angst macht. Heilung unseres Blickes, das ist ein Schritt hin zur Heilung des Lebens. Jedes Leben als von Gott begleitet, getragen und geliebt zu erkennen, das ist Heil.

Amen.

Jörg Boss

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis – 26.07.2020 - zum Anhören

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis – 19.07.2020 - zum Anhören

Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis – 12.07.2020 - als Text und zum Anhören

Predigt zum Fünften Sonntag nach Trinitatis, 12.07.2020

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. (Lukas 5,1-11)

Liebe Gemeinde! - Marcel Reich-Ranicki beginnt ein Kapitel seiner Autobiographie (Mein Leben, TB Oktober 2000, S. 82) - es ist überschrieben mit Mehrere Liebesgeschichten auf einmal - mir folgenden Worten: Wann hat meine Leidenschaft für die Literatur angefangen? Genau weiß ich es nicht, aber meine Mutter muss sie schon sehr früh bemerkt haben. Denn als ich zwölf Jahre alt war, bekam ich von ihr ein aus irgendeinem Anlass ein Geschenk, ein ungewöhnliches: Eine Eintrittskarte für die Aufführung des "Wilhelm Tell" im Staatlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.

An diesem Abend, Ende 1932, da ich zum ersten Mal eine richtige Vorstellung sah [...], begannen einige meiner großen Liebesgeschichten, alle auf einmal: Ich meine die Liebe zur deutschen Literatur, ich meine die Jahrzehnte währende, später freilich nachlassende Liebe zum Theater, ferner die zwar oft gefährdete, doch nie ganz abgestorbene Liebe zu Schiller und schließlich noch, die Liebe zu einem Gebäude, das mir das teuerste in Berlin wurde und bis heute geblieben ist - zu Schinkels Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.

Liebe Gemeinde! Vom Beginn einer ganz anderen, und doch nicht unähnlichen großen Liebesgeschichte hören wir heute: Am frühen Morgen legt Simon mit seinem Boot am Strand an. Die ganze Nacht waren er und die Seinen draußen gewesen auf dem See. Mit dem Fischerhandwerk verdient sich der junge Mann seinen Lebensunterhalt. Eine harte Arbeit. Aber das hat er gelernt. Und zupacken, das kann er. An diesem Morgen ist der Blick auf den Fang enttäuschend. Das heißt, es wird ein entbehrungsreicher Tag werden.

Doch jetzt ist Morgen. Jetzt heißt es die Netze zu waschen und zu flicken. Das ist der Alltag des Simon.

Aber als er sein Netz bearbeitet, da passiert etwas, was er gar nicht wahrnimmt. Ein Prediger, der vorübergeht, sieht ihn. Er schaut ihn an!

Jesus kommt ans Ufer und spricht mit Simon. Da schauen sie sich zum ersten Mal in die Augen. Auf Jesu Bitte hin stellt Simon sein Boot zur Verfügung. Einen Obulus für seinen Dienst wird er wohl kaum erwarten. Die Prediger Galiläas mögen ja viel sein, reich sind sie nicht.

Jesus predigt. Er predigt vom Wort Gottes, von der Liebe und von dem neuen Leben. Simon hört zu. Klingt interessant. Aber manches hat er auch schon gehört.

Jesus kommt zum Ende. Simon schickt sich an, das Boot wieder an das Land zu führen. Die Arbeit wartet auf ihn - und vielleicht ein wenig Schlaf.

Und dann passiert etwas Ungewöhnliches. Jesus, der Prediger, wendet sich erneut Simon, dem Fischer, zu. Sie schauen sich in die Augen: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Simon stutzt. Er denkt kurz nach und antwortet dann sinngemäß: Wir haben heute Nacht schon nichts gefangen. Aber wenn Du meinst, Meister, dann versuchen wir es eben noch einmal. Er ist nicht überzeugt. Aber er hört auf das Wort des Fremden. Wie er dann die Kollegen ruft und sie die Netze ins Boot holen, blickt er Jesus immer wieder an. Skeptisch, aber auch in seinem tiefsten Innern irgendwie fasziniert.

Was geschieht hier? Ich denke, liebe Gemeinde, wir sind Zeugen des Beginns einer großen Liebesgeschichte. Sich gegenseitig anschauen, interessiert sein aneinander: Damit beginnen solche Geschichten, das ist die Eintrittskarte in eine Beziehung! Die Blicke treffen sich. Und ich bin irgendwie fasziniert, aber auch skeptisch.

Was soll das werden? - Das ist so gegen alle Vernunft und vielleicht im Augenblick, da es geschieht, unpassend. Wie bei Reich-Ranicki: Eine Theaterkarte für einen Zwölfjährigen.

Auf den erwachsenen Petrus warten doch andere wichtige Dinge. Auf mich, den im Leben Stehenden, warten andere Dinge: die Arbeit bleibt liegen, wie ungehörig. Oder ich sollte mich ausruhen und schlafen.  

Zugleich ist da aber dieses erste Vertrauen. Das Gefühl, was hier geschieht ist gegen alle Einwände richtig und gut.

Was soll das geben? - Für Simon gibt es etwas - und was! Siehe, es war sehr richtig und gut: Als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken.

Das Unerwartete ist geschehen. Ein Wunder. Simon steht vor dem Berg von Fischen - und er wundert sich. Staunend blickt er den Fang an. Dann dämmert es ihm. Er wendet den Blick zu Jesus.

Wer von der Liebe berührt wird, liebe Gemeinde, der hat allen Grund, sich zu wundern, der staunt ob der Bilder und Gefühle, deren Vorhang sich geöffnet hat. Wenn ich echte Zuneigung spüre, dann wird mir wohl, und zugleich etwas bange. - Da wird es Simon bange. Ein Schauer überkommt ihn, den quasi "Jungverliebten". Die Erkenntnis, dass ich jemanden gefunden habe, einen Freund, einen Meister gar, mit dem ich harmoniere, das zieht mir wie Simon fast den Boden unter den Füßen weg.

Schön ist das - und schaurig. Ist das mein Leben? Ich bin dabei mein Leben aus der Hand zu geben. Ich weiß, das ist gut und richtig - aber wie kann das passieren? Wer bin ich überhaupt, dass mir solche Verliebtheit, man kann auch sagen: solche Gnade begegnet? Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

Dem von der Liebe Berührten, dem gehen auch die Augen auf über sein eigenes Leben. Das ist auch bei einem Stück von Schiller so. Bei Gottes Berührung erst recht: Aus dem Grund der Seele, da steigt vieles auf, wenn die Liebe hervorbricht. Da erkenne ich dann, wie Simon Petrus, was mein Leben ausmacht. Es sind wenige besondere Momente, liebe Gemeinde, in denen das passiert. Darum spüren wir sie intensiv.

Und wenn ich so klar auf den Grund des Sees meiner Seele schaue, dann kann ich meine Talente heben, die dort versunken sind. Dann sehe ich reiche Schätze, die ich in mir trage. Schöne Erinnerungen an meine Lieben, meine Fähigkeiten, bestimmte Dinge zu tun.

Und ich kann mich, von der Liebe berührt, auch trauen, das Hässliche, das ich dort sehe, zu bergen. Nicht alles ist schön, was da gefunden wird. Da habe ich Menschen enttäuscht und verletzt. Da habe ich mich hier und dort blamiert. Da haben Menschen gelitten meinetwegen.

Und da ist er wieder, der Schauer. Der andere, der kann mich doch gar nicht lieben. Mich, einen genau genommen doch so sündigen Menschen. Können wir beide überhaupt miteinander, wenn der andere meine Wasserleichen sieht?

Doch Jesus blickt Petrus erneut an: Fürchte dich nicht! - Alles, was ich mitbringe, was ich aus dem trüben Gewässer meiner Seele gefischt habe, er kennt es.

Fürchte dich nicht! Damit wird aus der Liebe eine Beziehung auf Dauer. Ich weiß, wer du bist - und ich liebe dich. Und weil ich das weiß und dich liebe, darum brauchst du keine Angst zu haben. Das ist die Gnade, die Seligkeit. In einer solchen Beziehung, da kann ich mich zurücklehnen in den Theatersitz. Ich kann meinen Kopf getrost in den Schoß des anderen legen und darf mich ausruhen von den Wassergeistern, die mein Gewissen plagen. Ich kann sie furchtlos anblicken und mit ihnen umgehen. Mit meinem Scheitern und meinen Fehlern der Vergangenheit.

Es ist wichtig, dass ich Menschen um mich habe, bei denen ich so geborgen sein darf mit dem, was ich in mir trage. So geschieht durch die Berührung der Beginn einer Beziehung, der Anfang einer Entwicklung. Beim Säugling, Zwölfjährigen, bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden wie bei allen anderen, die Mitten im Leben stehen und schon Erfahrung haben. In der Liebesgeschichte passiert Neues, Unerwartetes, Befreiendes.  

Um mich zu entwickeln, muss ich in mich hineinschauen dürfen, muss mein Stärken und Schwächen erkennen. Dazu brauche ich die Beziehung, die Geborgenheit bei meinem Gegenüber. Und wer das erfahren darf, der kann schließlich auch glaubwürdig Zeuge sein und diese Erfahrung weitergeben. Wie Simon Petrus am Ende der Geschichte.

So erzählt uns dieser Text des Lukasevangeliums den Beginn der großen Liebesgeschichte, der Geschichte von der Entwicklung im Glauben, und die Geschichte der großartigen Beziehung zweier Menschen. Mit ihren unterschiedlichsten Stärken und Schwächen haben sie zueinander gefunden.

Der eine ist ein Handwerker und kann angeln. Er weiß, wie man große Fische fängt. Der andere ist ein Prediger und kann von Gott erzählen. Er weiß, wie der große Gott ist.

Am Ende geht Simon Petrus mit Jesus mit. Er hat sich auf die Beziehung eingelassen. Er hat die Gnade zugelassen, die ihm widerfahren ist. Diese Beziehung, auch das wissen wir, wird nicht immer einfach sein. Sie ist manchmal abgekühlt, oft gefährdet. Streit wird es geben und Unverständnis noch und noch. Bis dahin, dass Petrus die Liebe seines Lebens verleugnen wird. Aber sie wird eine Beziehung bleiben, eine Liebe bis zum Ende. Ein Grund, der das Leben des Fischers aus Galiläa festigen wird, wie sehr auch die Wasser der Seele darüber toben mögen.

Wo Gott mich anschaut, da beginnt die große Liebesgeschichte, die großartige Beziehung des Lebens. So nimmt er mich mit. Und ich muss immer wieder erstaunt feststellen: Aus Gnade bin ich geliebt, bin befreit, bin selig! Amen.

 

Jörg Boss                                           Liedvorschlag: Ich sing dir mein Lied                                    NL+ 56.1-5

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis – 05.07.2020 - zum Anhören

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis – 28.06.2020 - als Text und zum Anhören

Micha 7, 18-20 (MP)

Liebe Gemeinde,

in der Lesung hörten wir die letzten drei Verse aus dem Buch des Propheten Micha. Ich lese diesen Lobgesang auf Gott noch einmal in einer Übersetzung, die näher am ursprünglichen Wortlaut ist (von Hans Walter Wolf, aus seinem Kommentar zum Michabuch - H.W. Wolf, Micha, Neukirchen 1992, 187).

»Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt,
an Aufsässigkeit vorübergeht beim Rest seines Eigentums!
Nicht hält er seinen Zorn für immer fest, denn er ist einer, der Güte liebt.
Er wird sich unser nochmals erbarmen, er wird unsere Vergehen zertreten.
Du versenkst in die Tiefen des Meeres alle unsere Verfehlungen.
Du wirst Jakob die Treue schenken und Abraham die Güte,
die du unseren Vätern geschworen hast seit den Tagen der Vorzeit.«

Vom Ende her gesehen – Michas geschichtliche Situation

Wenn ich beginne, ein neues Buch zu lesen, kann es passieren, dass ich mich nach ein paar Seiten frage, ob es mir denn auch spannend genug ist. Oder ich bin schlicht ungeduldig, schlage die letzten Seiten auf und schaue, wie’s ausgeht.

Und genau das haben wir beim Buch Micha gemacht. Wir haben ganz hinten nachgeschaut, wie es ausgeht.
Nach allem, was wir vom Propheten Micha und seiner Zeit wissen, kann es gar nicht gut ausgehen.

Micha lebte in der Zeit von 750 bis 700 vor Christi Geburt, in einer Zeit der Bedrohung des Nordreiches Israel durch die damalige Großmacht Assyrien. Im Jahr 722, also ungefähr in der Mitte des Wirkens des Propheten, wurde die Hauptstadt Samaria vom assyrischen Heer erobert und das Nordreich Israel hörte auf zu existieren.

Darüber hinaus finden sich auch Anspielungen auf spätere Katastrophen – lange nach Michas Tod.

So wurde etwa 120 Jahre später, um 600 v. Chr.,die Hauptstadt Jerusalem des Südreiches Juda vom babylonischen König Nebukadnezar belagert und zerstört. Die Bevölkerung wurde nach Babel deportiert. Das babylonische Exil begann.

Nein, aus Michas Sicht konnte es nicht gut ausgehen! Da war die Bedrohung von außen.
Und da war der sittlich-religiöse Zerfall im Innern.

Androhung des Strafgerichts

Und so liest er in den unserem Text vorangehenden Kapiteln den Mächtigen, den Großen, den Reichen gehörig die Leviten.
Ihnen wirft er vor, den einfachen Leuten ihre Häuser wegzunehmen und die Bewohner zu verjagen, die anständigen Leute auszusaugen bis auf die Knochen.
Die Kaufleute und Händler benutzen falsche Maße und gefälschte Gewichte und betrügen die Leute nach Strich und Faden.
Die Richter fällen ihre Urteile gegen Schmiergeld.
Die Propheten reden dem gut zu, der ihnen etwas in die Tasche steckte.
Und alle zusammen setzen sie dem noch die Krone auf indem sie sagen: Was kann uns schon passieren. Gott ist ja mit uns.

Im Auftrag Gottes droht Micha ein schlimmes Strafgericht an: Eure Stadt wird ein Trümmerhaufen werden, das Land zur Wüste, die Bewohner werden in die Fremde verschleppt werden.

Und so kam es dann auch. Nur ein kleiner Teil der Menschen konnte der Katastrophe der Eroberung und der Verschleppung entrinnen und zurückkehren. Ein großer Klagegesang müsste eigentlich am Ende stehen: Herr, du hast uns bestraft für alles, was wir angerichtet haben. Wie sollen wir diese Trümmer wieder aufbauen? Wir sind so wenige. Wir sind ja nur der klägliche Rest.

Die Not der Übriggebliebenen

Dieser klägliche Rest, das sind die Übriggebliebenen, das sind die, die davongekommen sind. Es sind nicht die Auserwählten. Es sind nicht nur die Guten. Keiner kann sagen: Ich habe es verdient, davonzukommen.

Auch heute hören wir davon, dass Menschen, die ein großes Unglück unerwarteter Weise überlebt haben, sich hinterher fragen: Warum ich? Warum bin gerade ich davongekommen und so viele andere nicht?

Sie bekommen Schuldgefühle, obwohl das bei Lichte betrachtet gar keinen Grund hat. Aber manche dieser Menschen tragen schwer daran. Sie erkennen, dass sie selbst es nicht mehr verdient haben, zu überleben, als die anderen.
Sie sind nicht besser, sie sind nicht schlechter. Warum also ich, warum gerade ich?

Wo ist die Güte und Treue Gottes?

Als ich zu Beginn meiner Vorbereitung diese drei Verse unseres Predigttextes las, diesen Lobpreis der Güte und Treue Gottes, dachte ich an meine Tochter, die seit vielen Jahren an einer chronischen Krankheit leidet. Und die so viele ihrer Lebensträume aufgeben musste.

Ich dachte an einen Freund aus Jugendtagen, dessen Sohn sich auf tragische Weise im Elternhaus das Leben nahm. Er ist darüber nie hinweg gekommen, hat darüber seinen Glauben an die Güte Gottes – und an Gott selbst – verloren.

Ich dachte an Menschen in unserer eigenen Gemeinde, die ich kenne, von denen ich weiß, dass sie ein schweres Schicksal zu tragen haben. Warum gerade sie?

Wo ist die Güte und Treue Gottes in solchen Situationen?

Zwar ist vieles, was an Unrecht und grenzenlosem Leid
zwischen Menschen, zwischen Völkern und innerhalb
der Völker sich ereignet, Menschenwerk:

Dass den Menschen in Syrien ihre Häuser zerbombt
werden und die Bewohner vertrieben werden oder
getötet, es ist Menschenwerk.

Dass kleinen Bauern in Südamerika ihr Land geraubt wird, um darauf in großem Stil Mais für europäische Schweine anzubauen, ist Menschenwerk.

Dass in manchen Millionenstädten in Asien die Menschen an vielen Tagen nicht mehr aus dem Haus gehen, weil draußen keine Luft zum Atmen ist, es ist Menschenwerk.

Und doch fragen sich Viele Menschen angesichts all diesen Leides, wo denn da die Güte Gottes zu finden sein soll.

Michas Visionen

In den 6 Kapiteln vor unserem Predigttext gibt einen steten Wechsel von Gerichts- und Heilsworten.

In  Kapitel 4 das Wort von den Schwertern, die zu Pflugscharen gemacht werden:

» Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. «

Und in Kapitel 5:

» Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. « … Der Text, der uns von Weihnachten her so vertraut ist …

Was mag wohl Micha selbst über die Bedeutung solcher Visionen gedacht haben?
Nicht einmal ahnen konnte er wohl, auf welche Weise seine Worte 700 Jahre später ein Gesicht und einen Namen bekommen sollten.

In der Person Jesu bekommt Gottes Güte und Treue, Gottes Barmherzigkeit ein Gesicht. ER ist der,
» der Vergehen wegträgt,
der die Güte liebt, voller Erbarmen ist,
unsere Vergehen zertritt und versenkt in der Tiefe des Meeres … «

Die Not der Menschen ist nicht kleiner geworden seit den Tagen Michas, und die Frage nach der Güte und Treue Gottes ist aktueller denn je!

Aber Jesus ist gekommen …

Mit seinen Gleichnissen, seinen Bildern,
in seinem Handeln, darin, wie er den Menschen begegnete,
mit seinem Leben und Sterben ließ Jesus uns ins Herzen Gottes blicken, ein Herz, das die Güte liebt und nicht das Leid.

In der Grünkrauter Bücherei gibt es ein kleines Büchlein des früheren CDU-Politikers Heiner Geisler – Generalsekretär seiner Partei, Entwicklungshilfe-Minister, kritischer Geist, Querdenker, - mit dem provokanten Titel „Kann man noch Christ sein, wenn man nicht an Gott glauben kann?“:

Darin geht es um

- die Theodizee, die Frage der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in der Welt

- ihn prägende Erfahrungen als Minister für Entwicklungshilfe

- seinen Glauben – seine Kritik an der Theologie der beiden großen Kirchen

Am Schluss bekennt er (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Auch wenn ich an diesen Gott nicht mehr glauben kann, an der Person Jesu Christi komme ich nicht vorbei …“

Jesus hat das Leid der Welt nicht beseitigt, nein, aber er ist selbst an die Seite der Leidenden getreten, selbst in die Tiefen des Leidens und der Gottverlassenheit gestiegen und - auferstanden!

Der Name Micha bedeutet „Wer ist wie…“

Wenn ich auf Jesus schaue, dann bekommt die Frage „Wer ist ein Gott wie du?“ einen ganz neuen Klang.

Amen

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis – 21.06.2020 - als Text

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11,25-30)

 

Liebe Gemeinde! Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Das ist so ein biblischer Vers, den viele auswendig kennen. Seine einprägsame Form mag dazu beitragen, aber die wirkungsvolle Erinnerung verdankt er auch dem Inhalt. Wir haben alle Menschen vor Augen, die mühselig und beladen sind. Menschen mit einem schweren Schicksal, in die Obdachlosigkeit geglitten; Menschen auf der Flucht; Alte; Kranke… Gleichzeitig fallen uns Situationen ein, in denen wir das Gefühl hatten, mühselig und beladen zu sein. Als der Arbeitsplatz auf der Kippe stand, als wir uns überfordert fühlten von dem Druck der Außenwelt, als wir uns mit einem nahen Menschen zerstritten haben, als eine depressive Stimmung sich auf uns gelegt hat, als der Partner ausgezogen ist….

Der Satz, diese Poesie, sie verfängt. Auch das Wort erquicken, das sich sonst aus dem aktiven Wortschatz verabschiedet hat, es wird hier in seiner befreienden, erheiternden Bedeutung verstanden, lebendig.

Im Zivildienst mussten mein Kollege und ich die betagten Patienten zu ihren Therapien bringen. Wir sammelten also jede Halbe Stunde eine Gruppe Rollstuhlfahrer vor dem Aufzug, die wir dann in den Aufzug luden und mit ihnen ins Untergeschoss fuhren. Ich sehe noch eine solche Gruppe vor mir, wie ich dann spontan sagte: Kommt her zu mir alle… da ergänzte eine Frau: …die ihr mühselig und beladen seid. Und sie lachte!

Der Satz kann sogar Heiterkeit erzeugen, weil er in einer so altmodischen Sprache daherkommt. Und das ist beeindruckend, denn Mühsal und Last sind drückende Begriffe. Aber Jesu Botschaft ist genau angesichts dieser Lasten die Befreiung: Heiterkeit ist ein Ausdruck – vielleicht der Ausdruck – der Seelenruhe, die er verspricht.

Liebe Gemeinde! Was verspricht uns Jesus Christus hier? Welches Joch nimmt er von uns, um es durch das seine zu ersetzen? Schauen wir auf die Mühsal und Last des Lebens, dann stellen wir schnell fest, dass es uns Christinnen und Christen nicht anders geht als allen anderen. Das menschliche Leben ist oft zerrissen, von Brüchen geprägt, unsicher. In der Welt habt ihr Angst, sagt Jesus an anderer Stelle. Gerade in Zeiten von Corona haben viele die existentiellen Ängste wieder zu spüren bekommen. Da ist die Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz erhalten bleibt, ob man seinen Lebensunterhalt wird weiterhin bestreiten können. Die Angst vor der Ansteckung, das man selbst oder ein geliebter Mensch erkrankt, beatmet werden (eine schmerzliche, strapazierende Behandlung) oder vielleicht sogar sterben muss. Die Furcht, den Ansprüchen unserer Umwelt nicht zu genügen, abgehängt, abgeschrieben oder ausgelacht zu werden. Unsere Ängste, Schwächen und Unzulänglichkeiten, sie sind Teil unseres Alltags, sie sind menschlich.

Liebe Gemeinde! Uns davon zu befreien, das verspricht uns Jesus Christus nicht! Auch als Christinnen und Christen, auch im Glauben an ihn sind wir in dieser Welt unterwegs und kennen die Angst, die Zerrissenheit, die Traurigkeiten. Begleitet dürfen wir uns wissen, aber unanfechtbar sind wir überhaupt nicht.

Wie alle Menschen suchen wir aber nach Wegen, die Anfechtung zu vermeiden. Wir suchen Sicherheit oder auch Geborgenheit, wobei man diese beiden nicht verwechseln darf!  Wie viele andere Menschen, ob Gläubige oder Ungläubige, suchen wir Möglichkeiten, Sicherheit herzustellen. Dabei sind wir auch versucht, denen nachzulaufen, die uns Sicherheit versprechen. Sie werden wie ich an die Politik denken. Sicherheit ist hoch im Kurs, strenge Kontrollen, öffentliche Überwachung, ein restriktives Asylrecht. Alles etwas in den Hintergrund geraten wegen Corona – aber das wurde diskutiert und wird wieder diskutiert werden. Auch die Anhänger Donald Trumps fühlen sich gut, wenn er den Demonstranten droht, es werde für law and order (Gesetz und Ordnung) gesorgt werden. Sicherheit, das bedeutet für uns natürlich auch den Schutz vor körperlicher Unversehrtheit. Die Verschärfung aller möglichen Gesetze wird aber nur eine oberflächliche Sicherheit gewähren, denn Menschen bleiben dabei auf der Strecke. Wenn wir die Grenzen schließen und medienwirksam Menschen in die Unsicherheit ihrer kriegszerstörten Heimat zurück abschieben, dann kann es sein, man fühlt sich vor dem Fernseher in Sicherheit, man fühlt sich stark und lobt den Staat. Aber es ist eine trügerische Sicherheit, denn in Wahrheit wächst das Misstrauen. Die fremdländisch Aussehenden, die weiter unter uns wohnen, verschwinden nicht, werden dann nur noch argwöhnischer beäugt, werden vielleicht sogar Ziel rassistischer Gewalt. Denn das Gefühl nach Sicherheit wird so nicht gestillt, es verlangt im Gegenteil nach immer mehr an Kontrolle. Eine Spirale, ein Teufelskreis entsteht. Weil die eigentlichen Probleme – soziale Ungleichheiten – nicht angegangen werden. Also muss immer noch mehr an „Sicherheit“ durch Kontrolle, noch mehr an öffentlich demonstrierter Stärke her. Weil das Gefühl der Unsicherheit nicht verschwindet, da es andere Ursachen hat, kann das Bedürfnis nach Sicherheit auch nie gestillt werden.

Wir sehnen uns, so meine ich, im Innersten nicht nach Sicherheit, sondern nach Geborgenheit. Also nach dem Gefühl, angenommen zu sein. Der Rauswurf von Gruppen, die wir als Gegner ausgemacht haben, trägt nicht dazu bei. Vielmehr das Auftauchen von Menschen, die uns gernhaben, bei denen wir uns wohl und angenommen fühlen. Verschwinden müssen dafür keine Menschen, sondern verschwinden muss die Angst!

Liebe Gemeinde!

Da sind wir wieder ganz bei Jesus Christus. Die Seelenruhe, die er verspricht, bedeutet das Verschwinden der Angst. Wir sollen von Jesus Christus lernen, dass Feindbilder, dass Gesetze, nicht gegen die Angst helfen. Jesus kannte sie, ängstlich sitzt er in Gethsemane kurz vor seinem Tod. Der Mensch Jesus kannte das Gefühl, Sicherheit herstellen zu wollen – das kann man in der Versuchung Jesu (Mt 4) finden. Aber er suchte nach anderen Auswegen und hat sie auch gefunden: Er hat die Liebe als Maßstab erkannt und danach gesucht, sie im Zusammenleben zu finden, hervorzuholen, zu leben. Die Seelenruhe, das leichte Joch, das er verspricht, heißt, dass Liebe die Angst infrage stellt und lehrt, mit der Angst umzugehen.

Paul Tillich hat eine provokante These aufgestellt: Jesus verspreche nicht die Überwindung der Anfechtungen, er verspreche nichts weniger als die Überwindung der Religion.

Wir müssen da vielleicht etwas relativieren. Vielleicht spricht man besser von einer falsch verstandenen, falsch gelebten Religion. Auch wir Christinnen und Christen sind nicht selten versucht, Sicherheit im Glauben herzustellen durch Gesetze, durch law and order. Das ist wie gesagt eine zutiefst menschliche Regung. Aber wie in der Politik, so bleiben auch hier Menschen auf der Strecke. Genau zu bestimmen, was erlaubt ist und was nicht, wasserdichte Kriterien zu suchen, wer dazugehört und wer nicht, damit versuchen wir, uns ein gutes Gefühl zu geben (letztlich ein Gefühl der Überlegenheit). Man schaut wie Onkel Nolte bei Wilhelm Busch auf den, der moralisch versagt und spricht: Ei ja! – Da bin ich wirklich froh! / Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!

Auch hier ist die Sicherheit trügerisch, weil die Ursachen für die Unsicherheit andere Gründe haben. Die Flucht in unhintergehbare Strukturen, in klare Gesetze, sie beseitigt das Gefühl nicht. Diese Religion befreit nicht, sie sperrt ein.

Der Glaube bleibt (wie alles Menschliche) eine Mehrdeutige Angelegenheit. In verschiedenen Situationen werde ich manchen Fragen, die mich beschäftigen, ganz anders beantworten. Die Lebensumstände ändern sich, man wird reicher an Erfahrung. Im Glauben bleibt immer ein Rest des Zweifels, eine Ambiguität… Das macht ihn schlussendlich auch lebendig! Im Glauben können wir Antworten für das Leben finden, weil beides nicht eindeutig ist. Weil beides immer wieder Zweifel, Hinterfragen, Abwägen bedeutet.

Jesus Christus verspricht uns die Befreiung von der einengenden Tendenz der Religion. Er will uns lehren, mit der Angst umzugehen. Von ihm Lernen soll heißen, sich von der Mühsal und Last zu befreien, es im Glauben richtig machen zu wollen. Befreiung vom Zwang der Eindeutigkeit. Zugespitzt gesagt die Befreiung von Religion als Lehre einer nicht zu hinterfragenden Wahrheit.

Die Liebe, die Jesus Christus als Maßstab nimmt, sie ist vielschichtiger, vieldeutiger – wer sich verliebt hat, wer liebt, der kennt das. Sie ist mit Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten voll. Aber sie ist auch offener, sie legt nicht fest, sondern sucht den Geliebten immer neu, möchte verstehen. Liebe legt mich selbst und den anderen nicht fest, sie befreit.

Die Frucht der Liebe ist darum auch die Heiterkeit! Die Frau im Krankenhaus lachte über den Satz: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Mit ihrem Lachen war sie bereits erquickt. Das hat sie befreit!

Die Kraft des Lachens, das die Uneindeutigkeit aushält; des Lachens, das die Macht der Angst aushebelt. Diese Kraft ist nirgends besser beschrieben worden als in Umberto Ecos großem Roman: Der Name der Rose. Bruder William von Baskerville ist auf der Suche nach einem Mörder in der Abtei. Als er ihn gefunden hat, stellt sich heraus, dass es der alte, blinde und verhärtete Mönch Jorge von Burgos ist. Er hasst das Lachen, weil Angst die Ordnung der Welt und des Glaubens aufrechterhält. So tötet er in seinem Wahn einige Mitbrüder, nach der letzten Konfrontation fängt die Abtei Feuer und versinkt im Chaos, als sie niederbrennt. William und sein Novize Adson von Melk verlassen den Ort. Der Lehrer hat erklärt dem Schüler vor der brennenden Bibliothek folgendes:

„… In jenem entstellten, vom Hass […] verzerrten Antlitz [des Mörders] sah ich zum ersten Mal die Züge des Antichrist, der nicht aus dem Stamme Juda kommt, wie seine sinistren Verkünder behaupten, und auch nicht aus einem fernen Land. Der Antichrist entspringt eher aus der Frömmigkeit selbst, aus der fanatischen Liebe zu Gott oder zu Wahrheit, […]. Fürchte die Wahrheitspropheten, Adson, und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben: Gewöhnlich lassen sie viele andere mit sich sterben, oft bereits vor sich, manchmal für sich. Jorge hat ein teuflisches Werk vollbracht, weil er seine Wahrheit so blindwütig liebte, dass er alles wagte, um die Lüge zu vernichten. […] Vielleicht gibt es am Ende nur eins zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen, die Wahrheit zum Lachen bringen, denn die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien.“*

Amen.

*U. Eco, Der Name der Rose, TB, München 272003, S. 643.

 

Jörg Boss

 

Liedvorschlag: Leben aus der Quelle… NL+ Nr. 66

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis – 14.06.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde!

 

Ein beeindruckendes, ja ein wunderschönes Bild zeichnet der Autor der Apostelgeschichte, Lukas, vom Leben der ersten Gemeinde. Die Gläubigen teilen, was sie haben, keiner muss Mangel leiden. Man hat das als den urchristlichen „Liebeskommunismus“ bezeichnet. Das Bild kann Nostalgien wecken. Die Rückkehr zur ursprünglichen Harmonie wird nicht selten in christlichen Gemeinschaften beschworen. Eine Restauration der alten Harmonie wäre vonnöten, so hört man. Ironischerweise bräuchte es dazu vermutlich eine kommunistische Revolution… Spätestens hier kommt man aber ins Stocken. Schön wäre das, aber das Bild der Apostelgeschichte ist bei genauerem Hinsehen zu wunderbar. Den Konfirmandinnen und Konfirmanden würde ich sagen, dass wir hellhörig werden müssen, wenn es in menschlicher Gemeinschaft allzu harmonisch zugeht. Tatsächlich war das Bild der ersten Gemeinde wohl doch etwas differenzierter – man könnte auch sagen: menschlicher. Es herrschte sicher ein Gefühl der Verbundenheit. Die neue Religion tat etwas, dass in jener Zeit revolutionär war. Reiche und Arme, Sklaven und Freie kamen zueinander. Wer in der Gesellschaft des Römischen Reiches nichts war, der konnte hier etwas werden, als Prediger, als religiöser Verantwortungsträger. Das hing nicht am Status, der sonst den Platz in der Gesellschaft eindeutig vorgab. Aber weil wir es schon damals mit echten Menschen zu tun hatten, noch dazu mit Menschen, die in einer sehr festgelegten Ständegesellschaft lebten, darf man Konflikte voraussetzen. Diese finden natürlich auch ihren Niederschlag im Neuen Testament (sonst könnte man es auch nicht ernst nehmen). Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth über das Abendmahl (1Kor 11), das damals wohl noch mit einem echten Abendessen verbunden war. Der Apostel ist ehrlich erzürnt darüber, dass dieses Essen nicht so gemeinschaftlich abläuft, wie es die Verbundenheit in Christus eigentlich verlangt. Jeder bringt sein Essen mit, die Reichen haben entsprechend mehr am Tisch. Sie haben außerdem das Privileg, recht früh erscheinen zu können. Die Sklaven aber müssen bis Dienstende warten, ehe sie sich aufmachen können zum abendlichen Gottesdienst. So wird Paulus deutlich: einige sind hungrig, die anderen (schon) betrunken. Die gesellschaftlichen Konventionen abzulegen, dürfte vielen Zeitgenossen nicht leichtgefallen sein. Darüber hinaus wurden auch in den ersten Gemeinden schon heftige, durchaus existentielle theologische Diskussionen geführt. Paulus fordert keinen geringeren als den Apostel Petrus heraus. Dieser ist eingeknickt gegenüber einer Forderung der Judenchristen (also der Gruppe zum Christentum konvertierter Juden). Er erlaubt die Tischgemeinschaft auf Beschnittene zu reduzieren. Das kann der Heidenapostel Paulus nicht hinnehmen. In Christus sind alle gleich. Da wird nicht unterschieden zwischen Menschengruppen.

Anzumerken ist allerdings hier auch, dass Paulus selbst ein Kind seiner Zeit ist. Er merkt zwar richtig an, dass bei Christus weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau sei. Aber das bezieht sich auf die Gemeinschaft in Christus. Eine gesellschaftliche Revolution anzuzetteln, das liegt ihm fern. In der Gesellschaft ist freilich jeder an seinem Platz und „Untertan der Obrigkeit“ (Römer 13). Man soll mit seinen Sklaven (den christlichen wohlgemerkt) gut umgehen (Philemonbrief). Aber dass ein Mensch Eigentum eines anderen Menschen sein kann, das zu hinterfragen käme Paulus nicht in den Sinn. Das war einfach normal in seiner Zeit.

Hier müssen wir uns mit unseren Nostalgien auseinandersetzen. Sie sind ja en vogue. Früher war alles besser!? Jede Nostalgie entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Trugschluss, denn früher war eben nicht alles besser. So auch hier.

Wollen wir wirklich dahin zurück? In eine Gesellschaft, in der Menschen andere Menschen besitzen und über sie verfügen können. Schöne Harmonie am abendlichen Tisch und am Tag danach bekommt der Freie wieder das Essen serviert, das Bad eingelassen, ja vielleicht auf Wunsch sogar sexuelle Dienstleistungen von seiner Sklavin. Vielleicht ist die ja keine Christin, da kann das so schlimm nicht sein. Ein verstörendes, ein abstoßendes Bild wird daraus.

Liebe Gemeinde! Zurück zur ersten Gemeinde. Menschen haben sich getroffen, sie sind sich ihrer Verbundenheit bewusst – wunderbar! Aber es gibt auch Streit, weil es eben Menschen sind. Theologisch und politisch wird diskutiert. Unterschiedliche Interessen stehen nebeneinander. Da sind wir mehr bei einem Bild unserer heutigen Gemeinden und nicht zuletzt unserer Landeskirche. Vielleicht unterscheiden sich unsere Gemeinschaften nicht so sehr von der urchristlichen, wie wir das gerne hätten, um sie als ein Idealbild zu haben.

Man kann aber noch weitergehen. Diskussionen, Auseinandersetzungen sind notwendig, um sich zu entwickeln. Damals wie heute. Dass wir in unseren Gemeinden und in der Landeskirche auf demokratische Entscheidungen setzen, also Kirchengemeinderäte, Synoden, Ausschüsse wählen, ist ein guter Weg. Aber eben auch gelegentlich ein anstrengender. Das überzeichnete Bild der urchristlichen Gemeinschaft kann nicht bei der Entscheidungsfindung helfen. Allzu groß ist die Gefahr, dass auf Harmonie gepocht wird, während sich dann die (Kirchen)Politik durchsetzt, in welcher durch die Hintertür Interessen durchgebracht werden. Dass also die Gemeinde eines Tages aufwacht und sagt: So wollten wir das aber nicht…

Das Bild der urchristlichen Gemeinschaft hilft uns aber, streitend in gutem Sinne die Form zu wahren, den Respekt und die Höflichkeit. Weil unser gemeinsames Interesse die Menschlichkeit ist. Wir suchen den Auftrag Jesu zu erfüllen, für die Menschen da zu sein, Sinn zu stiften in der Welt.

Das Bild der urchristlichen Gemeinschaft kann uns daran erinnern, dass wir bei allen Meinungsverschiedenheiten, bei allen unterschiedlichen Charakteren und Erfahrungen miteinander unterwegs sind. Dass wir als Menschen gemeinsam auf dem Weg sind. Die Vielfalt ist kein Hemmschuh, vielmehr ist sie eine Bereicherung. Denn jeder und jede hat etwas zu sagen, etwas beizutragen. Jeder nimmt sich auch zurück. So wachsen Gemeinden auch zueinander! 

Das Bild der Urchristenheit, wie es bei Lukas gezeichnet wird, bleibt also schön, und wunderbar! Darum müssen wir auch nicht verzweifeln daran, dass alles komplizierter ist.

Was Lukas beschreibt, ist zwar ein Idealbild. Aber es ist auch kein Fake, kein Betrug. Es zeigt einen Ausschnitt des Gemeindelebens, das so tatsächlich stattgefunden hat. Und das darum auch heute noch so stattfindet. Wenn wir uns freuen, am Sonntagmorgen die bekannten Gesichter zu sehen, miteinander zu sprechen, miteinander zu beten. Wenn wir uns auf der Straße begegnen und uns anlachen. Wenn wir erfahren, dass es den anderen interessiert, wie es uns geht. Wenn wir einander Hilfe zukommen lassen, und sei es „nur“ ein gutes Wort. Vielleicht hat der eine oder die andere für die Nachbarin eingekauft in der Krisenzeit. Hat ausgeholfen, wo eine Handreichung nötig war. Wir erleben Verbundenheit und wir erleben wirklich viele Momente, in denen wir ohne Ironie sagen können, dass die Gemeinde „ein Herz und eine Seele ist.“

Gott sei Dank! Amen.

 

NL+ 2: Aus den Dörfern und aus Städten…

Predigt an Trinitatis – 07.06.2020 - zum Anhören

Predigt am Pfingstmontag – 01.06.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

Was wir heute, am Pfingstmontag, als Predigttext haben, ein Abschnitt am Ende  des  Johannesevangeliums, ist eigentlich  ein  Teil  aus der Ostererzählung.

Wir gehen also eigentlich  - wenn man so will  zeitlich gesehen - etwas zurück…

 

Ähnlich möchte heute auch nicht mit der Lesung des Bibeltextes anfangen, sondern, wenn man so will, auch einmal von erst von   hinten  herein   die Perspektive  auf den Text legen. 

Es ist - zeitlich  gesehen - eigentlich  der Abend nach dem Ostermorgen.

Die Jünger haben sich versteckt und vor  lauter Angst  und Verzweiflung  eingeschlossen.

Da kommt Jesus   zu ihnen  - in den verschlossenen Raum,

und macht sie in dieser Begegnung  und   mit der Kraft Gottes  wieder  handlungsfähig,  gibt ihnen neue Kraft und neuen Mut …

 

Und jetzt beginne ich – sozusagen auch von hinten herein,

denn: Einer von den Jüngern  war  zunächst  nicht dabei gewesen, als das geschah.

Thomas, der „Zwilling“  (Name - abgeleitet von der aramäischen Sprache Teoma).

 

Als die andern ihm erzählen, was sie erlebt haben, ist das alles für ihn nicht gültig:

à denn er hat nicht gesehen und selbst erlebt.

Nun mag er, kann er den anderen nicht glauben.

"Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben."

 

Thomas war aber gar nicht immer der zweifelnde

Jünger, als der er hier in der Ostererzänlung erscheinen mag ( oder uns so in Erinnerung ist…).

In der Geschichte, die wir zuerst von ihm hören,  ist  er sozusagen zum äußersten entschlossen:

Jesu Freund Lazarus war  todkrank. Doch als Jesus zu seinem Freund nach Bethanien  in Judäa ziehen will, wollen  seine Jünger ihn zurückzuhalten: Meister, eben noch wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen? Offensichtlich haben sie nicht nur Angst um Jesus, sondern auch um ihr eigenes Leben. Aber Thomas sagt: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben! (Johannes 11,6-16)

Er begegnet hier als einer, der mutig, und zu allem entschlossen war – vielleicht auch ein wenig ein Hitzkopf…

 

Noch ein anderes Mal berichtet das Johannesevangelium explizit  von Thomas:

Während der Abschiedsgespräche, die Jesus mit seinen Jüngern führt, sagt er ihnen: „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.“

 

Da wagt Thomas, zu fragen: Nein Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst, wie können wir den Weg wissen?

Und Jesus nimmt ihn ernst und antwortet ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen. (Johannes 14,1-7)

 

Allerdings:  Verstanden hat Thomas diese Antwort, in ihrer Bedeutung so ganz vielleicht erst, dann nach dem Osterfest, als er dem Auferstandenen begegnet war und dann sagen konnte: Mein Herr und mein Gott! 

Thomas war wohl keiner, der die Dinge einfach so übernahm und annahm.

Er war offenbar ein eigenständiger, selbstständiger, auch kritischer  Geist...

 

…kann sein, dass es uns manchmal vielleicht ganz ähnlich geht wie dem Thomas und dass er uns sozusagen  zum Zwillingsbruder im Geist wird.

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Wenn man jetzt gerade in diesen Tagen  so manches im Leben wieder beginnt, aufzubrechen,

aber zugleich auch mit vielen Fragen…

à  dann vermag die Freudigkeit und  Lebendigkeit

des Frühlings vielleicht  auch  nicht   so recht   durchzudringen.

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Beispiele…   Normalität + Krise –

Diskussionssendung  Fr. à  auch vor Corona  war nicht „einfache Normalität“, die man sich so einfach zurückwünschen könnte…  !

 

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Umweltkrise…

 

Ungerechtigkeit … -

Auch jetzt in Zeiten, wenn manche die Coronakrise als abnehmend empfinden…

è  Gibt es dennoch viele   kleine Geschäfte,  Künstler,    einzelne  Handel- Treibende, haben noch gar keine Hilfe…

è An anderen Orten ist plötzlich ungeheuer viel Geld möglich…

Von den Auswirkungen  -  haben wir noch nicht eine gute Vorstellung…

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So sind wir,  wenn wir zu den  heutigen Zwillingsgeschwistern des Thomas  gehören,    eigentlich in ganz guter Gesellschaft mit unseren Zweifeln und    Fragen…

 

Aber Thomas blieb trotz seiner Fragen und trotz seiner Zweifel  in der Gemeinschaft  und wandte  sich nicht ab.

Er blieb auch nicht alleine und wurde nicht hängen gelassen…

 

„Nach acht Tagen“, heißt es, „waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen.“

Da kommt Jesus… und dann darf Thomas genau das sehen und fühlen, was ihm fehlte, um glauben zu können: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite.

 

Anscheinend braucht er es jetzt aber gar nicht mehr  mit seinen Fingern zu prüfen, das tiefgreifende Erlebnis der Zuwendung Gottes im Christus Jesus  zu ihm, das reicht ihm.

Thomas antwortet  und spricht zu Jesus: Mein Herr und mein Gott!

 

 

Und jetzt gehe ich zum eigentlichen Predigttext  -  

-  (Joh 20, 19-23)

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

 

 

Liebe Gemeinde,

--- Nicht umsonst und zufällig schreibt der Evangelist:  (V.21.f.)

„… Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!“

 

Er nimmt damit ein altes Motiv aus der Erzähltradition der Bibel auf:   Schon ganz am Beginn der Bibel wird erzählt, dass Gott dem ersten Menschen, dem Adam, den Lebensodem eingeblasen habe.    -   Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen,     schildert das 1. Buch Mose in der Schöpfungsgeschichte, Kap. 2. (1. Mose 2,7)

Anders gesagt: Die Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt damit, dass Gott dem Mensch zum einen seine Gestalt gibt und  zum andern   ihm    die  Lebenskraft verleiht. Und das ist eine Kraft, die aus Gottes Geist kommt,. 

 

Auch im Prophetenbuch Hesekiel wird von dem lebens-schaffenden Odem  Gottes   erzählt  (Hesekiel 37).

 

Der Prophet sah ein ganzes Feld voll verdorrter Totengebeine.   Hesekiel deutet die Vision  auch und  erklärt: Diese Gebeine  sind das ganze Haus Israel.

 

Er  weissagt nach Gottes Auftrag und spricht zu den Totengebeinen:      Ihr verdorrten Gebeine, hört des HERRN Wort! ... Ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.

Von den Totengebeinen wird  in der Vision berichtet:

... Dass der Odem in sie kam und sie wieder lebendig wurden und sich auf ihre Füße stellten. 

à    Gottes Odem  macht lebendig…

 

Und im Neuen Testament begegnet das Bild vom Geist auch in der Ostererzählung:

Nach der Hinrichtung ihres Freundes und Meisters Jesu fühlten sich die Jünger wohl ähnlich wie solche Totengebeine -  am Ende und ausgelaugt, kraftlos.

Darum schließen sie sich ein, aus Trauer und Mutlosigkeit und aus Furcht vor den Juden.

 

Maria von Magdala mit ihrer Botschaft: „Ich habe den Herrn gesehen“, kann sie nicht ermutigen und neu beleben. (Johannes 20,18)

 

Aber als später der Auferstandene selbst zu den eingeschlossenen Jüngern kommt und sie mit dem Geist anbläst, da belebt er sie mit neuem Lebensmut und macht sie zu neuen Menschen.

Er macht sie zu Menschen, die eine Aufgabe, Auftrag, haben, einen Sinn in ihrem Leben,

macht sie zu Aposteln – was soviel heißt wie: zu Gesandten: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

 

Und er stattet sie reichlich aus:

nicht nur mit dem Frieden, wenn er schon zum Gruß sagt: Friede sei mit euch!

 

Er schenkt Ihnen auch großes Vertrauen:

Nicht jedem Menschen zeigt man normalerweise seine Verletzungen und seine Narben  - (und man tut auch gut daran…) Aber Gemeinschaft und Zusammenleben geht auch nicht gänzlich ohne diese Intimität ! ...

Jesu scheut sich nicht, seine Jüngern die Verletzungen seines Todes zu zeigen:  er zeigte ihnen die Hände und seine Seite.

 

Und schließlich stattet er sie auch mit viel Macht und großer Befugnis aus:

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

 

Was für ein großes Zutrauen!

Große Befugnis und große Verantwortung !

 

Zu befreien – aber auch: zu behaften… !

-          Wie gehen wir Menschen da miteinander um…?

(…)

In Guatemala gibt es die Legende von der Prinzessin Ixmucane, sie lebte vor langer Zeit und jeden Tag kamen Menschen mit ihren Sorgen zu ihr, denn sie kannten keinen anderen Ort, an dem ihre Probleme besser aufgehoben waren. Ixmucane selbst führte ein sorgenfreies, leichtes Leben und empfand Mitleid mit all den Menschen, denen es anders erging als ihr. In einer schlaflosen Nacht wandte sie sich verzweifelt an den Sonnengott und fragte ihn, wie sie anderen Menschen helfen könne. Sie wünsche sich so sehr, dass auch diese Personen ein sorgenfreies Leben führen können. Da wurde der Nachthimmel für einen kurzen Moment hell erleuchtet und der Sonnengott versprach, dass er ihr eine Gabe geben würde, mit der sie alle Probleme der Menschen aus der Welt schaffen könne, solange sie diese ihre Sorgen mit ihr teilen würden. Kaum waren seine Worte gesprochen, wurde es wieder dunkel.

Am nächsten Morgen fürchtete die Prinzessin, sie hätte nur einen schönen Traum geträumt. Doch dann kamen die ersten Menschen, die ihre Sorgen mit ihr teilten. Sie lächelte sie an, sprach ihnen gut zu und wie durch ein Wunder, wurden ihre Probleme gelöst. Dies sprach sich so schnell herum, dass nun Stunde um Stunde, Tag für Tag und Jahr für Jahr, die Menschen zu ihr kamen, um ihre Sorgen mit ihr zu teilen. Ixmucane half ihnen auch gerne. Aber doch es zerrte auch an ihren Kräften. Daher beschloss sie, ihre Gabe an sechs weitere Vertreter des Landes weiterzugeben, damit diese Last aufgeteilt werden konnte. Seit dieser Zeit gibt es genug Helferlein für alle Sorgen der Menschen.

 

Aus der Legende von Prinzessin Ixmucane entstand die Tradition der kleinen „Sorgenpüppchen“, die noch heute in den bunten Säckchen leben.

 

Wir feiern an diesem Wochenende das Pfingstfest.

Der auferstandene Christus war  an Himmelfahrt zum Vater aufgefahren. Er war jetzt nicht mehr greifbar und sichtbar nahe bei den Jüngern, die ja weiterhin mitten in der Welt lebten mit all ihren Fragen und sorgen , Freuden und Nöten mitten in dieser Welt lebten.

An Pfingsten wurde nicht nur denen damals – auch uns heute der Heilige Geist vom Himmel gesandt und geschenkt, der die Kraft Gottes zu den Jüngern brachte.

Eine enge Verbindung mit Gott im Herzen.

( übrigens in der Hebräischen Sprache ist die Bezeichnung für „den Geist Gottes“ – Ruach, ein weibliches Wort !)

Gott lässt die Glaubenden nicht im Stich und nicht alleine in dieser Welt mit all dem, was da ansteht und begegnet.

 

Gott sendet – nicht nur damals, am Pfingsttag, auch heute, immer wieder – eine lebendige Kraft des Glaubens und des Vertrauens, der Verbindung und der Gemeinschaft.

Eine Kraft für Herz und Verstand ( und auch fürs Gefühl ) eine Kraft, die Mut gibt, Hoffnung und Weisheit, zu handeln – mitten im Alltag der Welt, wie diese auch immer aussehen mag.

Amen

Predigt am Pfingstsonntag – 31.05.2020 - als Text und zum Anhören

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. (Apostelgeschichte 2,1-13)

Liebe Gemeinde! Ein seltsames Gefühl. Da geht es in einer Geschichte um das Verstehen. Und die Geschichte selbst ist an sich so unverständlich. Man kann nicht begreifen, was das genau passiert. Sie ist auch bewusst so gehalten. Wie Feuer kommt es herab auf die Jünger und die Gemeinde. Plötzlich verstehen alle, gleich welcher Herkunft und Sprache sie sind, was da gesagt wird. Das Verstehen geht dabei über eine bloße Übersetzung der Worte hinaus. Es passiert etwas mit den Hörenden. Dieses Wunder provoziert eine Reaktion. Es geht den Menschen zu Herzen. Sie fühlen sich angesprochen.

Der Rahmen, in dem das geschieht, bleibt unverständlich - das Feuer des Heiligen Geistes... Und vielleicht ist dieses Feuer auch nicht so wichtig. Wir sind natürlich neugierig und fragen uns, was denn da genau passiert, wie das aussieht, ob man den Geist denn sehen kann. Aber wenn wir uns von diesen Oberflächlichkeiten entfernen, dann können wir sehen, worum es geht: dass die Botschaft der Jünger verstanden wird über die Grenzen der Sprache hinaus. Die Botschaft Jesu, dass Menschen angenommen sind, dass Gott die Welt liebevoll sieht und das Gute möchte.

Die Sprache des Menschen spielt eine große Rolle in seiner Identität. Wer bin ich? Wenn ich diese Frage stelle, dann komme ich bei der Antwort zwangsläufig an meiner Herkunft vorbei, die meine Sprache einschließt. Auf der Schwäbischen Alb sprachen die Alten anders als im Oberland. Der Klang war ein anderer, und der Wortschatz auch. Da klingt die Heimat mit, da suche ich einen Teil von mir, wenn ich wissen möchte, wer ich bin.

Wer in seiner Sprache, mit seinem eigenen Wortschatz, in seinem Dialekt angesprochen wird, der spürt sich im Herzen angesprochen. Da klingt etwas Vertrautes, etwas, das Heimat gibt. Da wird die Frage berührt, wer er oder sie ist. Ein Gefühl der Zugehörigkeit entsteht, ein Gefühl: Ich werde wahrgenommen und verstanden.

Nehmen wir doch etwas Feuer aus der Szene von Pfingsten. Dieses Bild der Ekstase verstellt vielleicht eher den Blick auf das Geschehen, als dass es ihn erhellt. Dabei spielt auch unser Hintergrund eine Rolle: In unserem Land, mit unserer Geschichte, sind wir sensibler - oder sollten es sein - für ekstatische Momente. Wir wissen, dass die Begeisterung der Masse zum Missbrauch führen kann, denn unsere Eltern und Großeltern haben das erlebt. Wir müssen hellhörig werden, wenn es allzu ekstatisch vor sich geht. Nach der der WM 2006 sagte der amerikanische Comedian Bill Maher: "Die Weltmeisterschaft hat dem deutschen Volk gezeigt wie gut es sich anfühlt in ein nationalistisches Hochgefühl geschaukelt zu werden - und was kann dabei schon schiefgehen?"

Die Botschaft der Pfingstgeschichte ist eine Begeisterung der Zuhörer, aber nicht in dem Sinne, dass sie in ein Hochgefühl geschaukelt werden. Sondern der Geist, das stille, sanfte Sausen (1Kön 19,12; dem das Feuer vorangeht, in dem der Herr aber nicht ist), er bewegt in einem guten, ruhigen Sinn. Er schafft aufmerksames Hören, verstehen und verstanden werden.

Menschen finden sich im Zuhören, in der gegenseitigen Ansprache. Dabei muss nicht immer Einigkeit bestehen im Austausch, aber an sich schafft er schon eine Verbundenheit. Ein Philosoph, ich weiß leider nicht mehr, welcher, soll gesagt haben: Das Schönste im Leben ist die Sonne, schöner nur ist ein Gespräch.

Miteinander sprechen, sich zuhören, verstehen und diskutieren. All das liegt auch in der Pfingstgeschichte. Weil der Heilige Geist am Werk ist, können wir das Feuer hinnehmen. Die Ekstase, das aufgeregt Werden kann dazugehören. Aber es ist nicht das Eigentliche. Anders ausgedrückt. Die Begeisterung wird sich eher dann zeigen, wenn die Beteiligten nach Hause gehen, wenn sie etwas in sich begeistert, angeregt fühlen, was sie in ihrer Suche nach sich selbst, ihrem Fragen nach Sinn angesprochen hat. Sie werden das Gespräch mit sich selbst suchen, sich über Liebe, Angenommensein, über Gottes Fürsorge Gedanken machen. Sie werden auch das Gespräch mit anderen jetzt anders führen. Werden etwas mitteilen können von dem, was sie selbst erfahren haben.

Dieses Gespräch mit sich und den anderen beginnt in diesem Wunder. Die Angesprochenen werden berührt von einem stillen, sanften Sausen; ihr Blick auf sich selbst und die Welt verändert sich. Wer sich selbst angenommen weiß, der wird auch andere annehmen.

Kein Wunder, dass es auch diejenigen gibt - und sie dürfen zu Wort kommen - die das nicht verstehen. Die Jünger müssen doch betrunken sein, was für einen Unsinn erzählen sie da. Das Angesprochen Sein kann Fluchtreaktionen erzeugen, weil es Ängste auslöst. Wenn wir uns in unserem Status oder in unseren Vorurteilen eingerichtet haben, dann gibt das ein Gefühl der Sicherheit. Der Heilige Geist verunsichert aber, weil er Status, Privilegien und Gewissheiten infrage stellt. Wer etwa die Stabilität seiner Person daraus zu ziehen versucht, andere Menschen und Gruppen abzuwerten, dem wird der Geist zur Bedrohung. Die Reaktion kann wieder Abwertung sein. Die sind besoffen. Die Botschaft klingt gut, aber diese Gutmenschen haben doch keine Ahnung, was Sache ist. Wer vom Geist angesprochen wird, der kann vom Angenommensein durch Gott ohne Ansehen der Person ausgehen. Der eigene Dialekt, der eigene Wortschatz, die eigene Heimat, das ist schön zu haben. Der Geist weitet aber den Blick. Bei ihm gelten andere Maßstäbe, nämlich die Sicht Gottes auf das gewollte und geliebte Geschöpf. So schafft die Ansprache im Pfingstwunder Heimat und stiftet Sinn, aber sie bewirkt zugleich auch Öffnung. Jeder und jede ist angesprochen, jeder darf hier sein und ist geliebt. Der Geist öffnet Grenzen.

Wer im Gespräch Grenzen öffnet, der kann eine Veränderung an sich selbst wahrnehmen. Diese Erfahrung machen die Beteiligten am Pfingstwunder. Diese Erfahrung tragen sie weiter - wir tragen sie weiter. Den Anderen anschauen, sich für den Fremden interessieren, im Gespräch den Horizont weiten, damit jeder Annahme und Sinn erfährt. Das ist die Gabe des Heiligen Geistes. So verbindet und versöhnt er Menschen mit sich und der Welt.

Vom Beginn eines sicher interessanten, zu Herzen gehenden Gespräches erzählt ein Gedicht von Robert Gernhardt: es heißt Lokalbericht.

Dichter Dorlamm tritt in ein Lokal,
und er sagt sich: Na, dann wolln wir mal!

Na dann wolln wir mal - hier stockt er schon,
denn am Tresen steht der Gottessohn.

Steht am Tresen und bestellt ein Bier,
und der Wirt schiebt ihm eins rüber: Hier.

Hier das Bier. Der Gottessohn ergreift es.
Da ertönt ein Lied. Und Dorlamm pfeift es.

Pfeift das Lied O Haupt voll Blut und Wunden.
O, sagt Jesus, danke, sehr verbunden.

Wirklich freundlich, sind Sie etwa Christ?
Nein, sagt Dorlamm da, weil er's nicht ist.

Bin es nicht, sagt er, bin's nie gewesen.
Jesus zieht ihn lächelnd an den Tresen.

Zieht ihn, um zugleich dem Wirt zu winken:
Dieser Herr will sicher auch was trinken!

Ja der Herr? Was darf es denn da sein?
Ich, sagt Dorlamm, möchte einen Wein.

Einen Wein? Der Wirt füllt den Pokal.

Na, sagt Jesus, Prost. Dann wolln wir mal!

Amen.

Predigt zum Sonntag Exaudi – 24.05.2020 - als Text und zum Anhören

 

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde!

„Wer hat eigentlich das Christentum erfunden: Jesus oder Luther?“ Das fragte mich vor Jahren eine Schülerin in der 5ten Klasse. Das sind die schönen Momente, wenn man solche ehrlichen und ernst gemeinten Fragen gestellt bekommt. Dann kann man diskutieren und weiterkommen. Anhand der Lebensdaten von Jesus und Luther lässt sich dann auch schon erkennen, wer wohl der Erfinder war. Aber da steht man gleich vor dem nächsten Problem, denn Jesus von Nazareth ist laut dem Online-Lexikon Wikipedia „zwischen 7 und 4 vor Christus“ geboren. Findige Schüler merken gleich: Aber wenn mit seiner Geburt unsere Zeitrechnung beginnt, dann kann das ja gar nicht sein. So kommt man vom Hundertsten ins Tausendste, und das ist schön. Im Religionsunterricht sollen die Kinder und Jugendlichen zum einen Wissen mitnehmen, zum anderen Sinn erfahren, der hinter diesem Wissen steckt. Sie sollen die großen Fragen des Lebens und des Glaubens diskutieren. Dabei sind sie neugierig, unverbraucht, ehrlich auf der Suche. Der Unterricht soll zum Nachdenken über das Gelernte anregen. Es soll nachgedacht und nachgefühlt werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen etwas mitbekommen, was sie sich „zu Herzen nehmen“ können, an dem sie wachsen können, damit es ihnen im Leben weiterhilft. Wir oft so abgeklärten Erwachsenen können uns davon eine Scheibe abschneiden. Jesus Christus erklärt nicht zufällig die Kinder zu den Besitzern des Himmelreichs. Sie sollen uns im Glauben etwas beibringen.

Zu Zeiten des Alten Testaments dürften bereits ähnliche Themen mit Kindern und Jugendlichen besprochen worden sein. Es sind die zeitlosen Fragen nach dem Sinn.

Die Aneignung von Wissen, so habe ich gelernt, sah damals etwas anders aus als heute. Eher wie der Konfirmandenunterricht in Deutschland vor 50 Jahren. Die Kinder lernten Verse aus der Tora auswendig. Sie sollten diese parat haben, etwa für verschiedene Situationen im Leben, um Trost und Hilfe zu finden, aber auch für spätere theologische Diskussionen. Daran knüpft diese Aussage von Jeremia an.

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, [und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein]. Man muss sich hier bewusst machen, dass das Herz in der Welt des Alten Israel etwas anderes bedeutete als für uns heute. Das Herz wurde als Sitz des Verstandes, der Wahrnehmung und der Gefühle gesehen. Dem Gehirn maßen die Menschen damals keine große Bedeutung zu. Gedacht wurde mit dem Herzen… Dass ändert den Blick auf das, was da von Jeremia gesagt wird.

Israel, und damit wir, wird unterrichtet werden in der Tora, im Gesetz des Bundes. Der Neue Bund wird durch Denken dem Menschen zugänglich. Gott wird selbst der Religionslehrer sein, der seinen Bund in das Gedächtnis seiner Schülerinnen und Schüler schreibt. Freilich spielen dabei, genau wie beim Religionsunterricht heute, auch Gefühle mit, die ihren Sitz auch im Herzen haben. Das Lernen und Nachdenken über den Bundesschluss führen zu einer Hingabe des ganzen Menschen in den Bund Gottes, mit seinem Denken und Fühlen. Wichtig dabei ist, dass der Mensch dazu nichts tun muss und nichts tun kann. Es wird ihm in sein Denken und Fühlen von Gott eingeschrieben werden.

Ein gewagter Vergleich kann vielleicht zum Film Matrix gezogen werden. Dort kann den Menschen von einer Sekunde zur anderen per Computer Wissen eingespielt werden. So lernen sie etwa Kung-Fu oder Hubschrauberfliegen – was man in Action-Filmen halt so braucht.

Der Mensch wird ganzheitlich verändert. Durch Gott wird er in den Bund geholt und sein ganzes Wesen darauf ausgerichtet. Das ist der Neue Bund, der nicht mehr von Menschen – etwa durch das Auswendiglernen und Diskutieren von Texten – vermittelt werden kann, sondern den Gott selbst uns auswendig eingibt.

Liebe Gemeinde! Wir Christinnen und Christen sehen gemeinsam mit Paulus und vielen anderen den Neuen Bund mit Jesus Christus als gekommen, als gegenwärtig. Aber so einfach ist das nicht. Selbst die Autoren des Neuen Testaments sind im Rückgriff auf Jeremia 31 vorsichtig.

Denn wenn wir unsere Welt anschauen, die zwiespältige Realität, in der Gutes und Böses lebt und wirkt, dann ist das noch nicht die Vollendung. Man kann aus christlicher Perspektive also sagen, dass die Worte Jeremias nicht ohne weiteres für das Kommen Jesu Christi gedeutet werden können. Sondern eher für dessen Wiederkunft. Jeremia beschreibt keine Welt, in der Christinnen und Christen damals und heute leben. Er beschreibt einen Zustand der Vollkommenheit, der in der Apokalypse des Johannes angekündigt wird: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Das Reich Gottes, es steht noch aus. Es wird noch werden.

Aber so, wie die Israeliten, welche die Worte Jeremias hörten und lasen, schon aus dieser Zukunftsvision Sinn und Hoffnung schöpfen konnten, so geht es uns auch heute.

Im Hören auf Gottes Wort, im Nachdenken darüber, kurz, in unserem lebenslangen Religionsunterricht, soll etwas mit uns passieren. Dass wir über das Wesen Gottes und der Welt etwas Neues erfahren. Dass wir dazulernen. Das Wissen über Gott und die Welt, über seine Zusage, dass er die Menschheit erlöst, dieses Wissen macht etwas mit uns. Wir denken darüber nach, bringen es in der Wirklichkeit des Alltags ein, in unseren Gedanken und Gefühlen. Dieses Wissen, das Gott uns lehrt und einschreibt, „nehmen wir uns zu Herzen“. Wir machen es fruchtbar für unser Leben, wir wachsen im Vertrauen. Im Vertrauen auf die Liebe Gottes, mit der er uns begleitet und uns erlöst. So kann man leben, so kann man weitergehen und die Wirklichkeit angehen.

Das lernen Kinder und Jugendliche, wenn sie sich mit Religion auseinandersetzen, wenn sie ihre Fragen stellen und Nachdenken. Das lernen wir, wenn wir das Kind in uns Fragen stellen, zweifeln und diskutieren lassen. Das Kind in uns wächst im Vertrauen und reift im Glauben. Erhard Blum hat den Vers aus dem Text des Jeremia dahingehend treffend übertragen. Gott kündigt dem Propheten an: Nachdem ich meine Tora in ihr Inneres gegeben habe, indem ich sie auf ihr Herz schreibe, werde ich ihnen zum Gott sein.

Amen.

 

 

 

Predigt zum Sonntag Rogate – 18.05.2020 - als Text und zum Anhören

Predigt zum Sonntag Rogate (Betet)

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,5-15)

 

Liebe Gemeinde! Ein komisches Gefühl, wenn wir einen Text aus der Bibel vorgelesen bekommen, der uns so vertraut ist. Wir möchten gleich einstimmen in das Gebet, das uns sonst oft begleitet. Der Text aus der Bergpredigt erinnert uns daran, dass unser Gebet von dort stammt, niedergeschrieben vor langer Zeit. In seiner Zeit, aber zeitlos.

Das Vaterunser ist ein liturgisches Gebet geworden. Es kann auswendig rezitiert werden. Das ist wichtig. Den Konfirmandinnen und Konfirmanden versuche ich deutlich zu machen, dass auswendig gelernte Texte nicht Schikane sind, die der Pfarrer halt von den Leuten erwartet. Vielmehr sollen sie dann helfen, wenn es uns die Sprache verschlägt. Das kann in Momenten großer Traurigkeit passieren, in Momenten der Angst, aber auch in Momenten überbordender Freude. Es ist gut, in solchen Momenten Worte zu haben, die über einen kommen und die man ohne Nachzudenken sprechen kann. Ich denke auch an das kleine Kind, das etwas aus dem Keller holen soll und ein Lied anstimmt. Das vertreibt die Furcht. So ist das Vaterunser ein Gebet, das immer bereitsteht, um Furcht und Angst zu vertreiben.

Dabei ist das Vaterunser aber mehr als eine vorgefertigte Ansprache an Gott. Es ist auch eine Anleitung zum persönlichen Gebet. Dieses soll schlicht sein. Unsere persönlichen Wünsche können wir vor Gott bringen, ausnahmslos. Jesus Christus leitet uns aber an, nicht abzuschweifen, keine bloße Aufzählung vor Gott zu bringen. Sondern schlicht um das zu bitten, was uns bewegt. Und die grundlegenden Bedürfnisse und Sorgen des Menschen sind im Vaterunser versammelt: Gottes Beistand, das tägliche Brot, die Schuld, die Bewahrung.

Vater unser im Himmel – diese Anrede bringt zum Ausdruck, dass Gott unser Vater ist. Es heißt eben nicht, Gott sei wie unser Vater, sondern er ist es. Wir sind eine Familie, wir gehören zueinander. Das Vaterunser ist ein jüdisches Gebet! Jesus war Jude. Da wird der Name Gottes nicht ausgesprochen. Gott wird mit Ehrentiteln genannt oder in seiner Beziehung zu uns. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man ihn jetzt Vater oder Mutter nennt. Über die Feinheiten dieser Bezeichnungen – Vater und Mutter – kann man lange nachdenken. Aber es geht darum, dass Gott sich, gleich unseren Eltern, um uns kümmert.

Geheiligt werde dein Name – Dem Namen Gottes soll Ehre gemacht werden. Er wird, wie gesagt, im jüdischen nicht ausgesprochen. Damit wird die Andersartigkeit Gottes betont, denn es ist eben kein menschlicher Name. Zugleich soll wohl auch vor Namensmagie geschützt werden. Die Vorstellung ist so alt wie die Menschheit, dass ich, wenn ich den Namen von jemandem kenne, ich Macht über ihn habe. Das findet sich prägnant noch im Märchen vom Rumpelstilzchen. Aber auch, wenn wir das Trinken unseres Sohnes auf dem Tisch ausgeschüttet finden und ihn dann rufen, wissen wir, was gemeint ist. Wir kennen dich!

Dein Reich komme – Jesus Christus lebte wohl, so wie seine Zeitgenossen, Paulus bezeugt das, in der Naherwartung. Er glaubte, das Reich Gottes stehe unmittelbar bevor. Die Erfahrung lehrt uns etwas anderes. Aber Jesus Christus glaubte und lehrte noch mehr. Das Reich Gottes ist bereits da. Wir haben schon Anteil an der Wirklichkeit Gottes, in der alles in dieser Welt zum Guten kommen wird. Und diese Erfahrung teilen wir heute noch. Es kann uns Mut machen und Geduld lehren, dass wir mehr sind als das, was wir täglich sehen und erfahren. Diese Bitte um das Reich Gottes erinnert uns zum einen daran, dass sein Reich, seine Wirklichkeit ohne unser Zutun kommt: Gott macht und vollendet. Zum anderen werden wir daran erinnert, dass wir entsprechend dieser Wahrheit denken und handeln sollen. Den Mitmenschen annehmen, in ihm und ihr das gewollte und geliebte Geschöpf sehen. Das Gute in der Welt voranbringen, Hoffnung machen. Dem entspricht auch die nächste Bitte.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden – Unser Wille unterscheidet sich vom Willen Gottes. Wir haben alltägliche Probleme und Auseinandersetzungen, mit denen wir umgehen müssen. Dabei aber vor Augen zu haben, wie Gott die Welt sieht und was er für die Menschen möchte, das kann demütiger machen, und auch gelassener.

Unser tägliches Brot gib uns heute – Nach den drei Bitten, die Gottes Sein und seine Beziehung zu uns ansprechen, folgen nun die vier Bitten, die unsere Menschliche Existenz, unseren Alltag in den Blick nehmen. Beginnend mit der elementarsten, nämlich dass wir genug zu essen haben. Martin Luther hat schon darauf verwiesen, dass es hier um alle Grundbedürfnisse für das Leben geht. Neben „Kleider, Schuh“ usw. zählt er dazu auch „gut Regiment“ – also eine gute Regierung – „gute Freunde“ und „getreue Nachbarn.“ Das stimmt alles und ist gut so.

Vielen Menschen in der Welt fehlt das elementare. Nicht wenige müssen sich echte Gedanken darüber machen, ob am nächsten Tag genügend zu essen für die Familie da sein wird. Das sollten wir, die wir immer etwas im Kühlschrank haben, nicht vergessen.

Ganz im Sinne der Bergpredigt lehrt diese Bitte – als Anleitung für das persönliche Gebet – aber auch, dass wir uns von Zukunftssorgen nicht das Leben vergällen lassen sollen. Auch die Schuld der Vergangenheit soll uns nicht belasten. Leicht gesagt, aber das Vaterunser lädt zur Meditation darüber ein, was wichtig ist im Leben. Dass wir in der Gegenwart leben und hier danken und bitten sollen.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – Sorgen aus der Vergangenheit kann eine Schuld sein, die uns belastet. Angst vor der Zukunft kann sein, dass wir denen begegnen, an denen wir uns schuldig gemacht haben. Das tägliche Brot ist eine Sorge des Alltags, so auch die Schuld. Wir werden schuldig aneinander, ob wir das wollen oder nicht. Nicht mit jedem Mitmenschen verstehen wir uns gut. Und auch im Umgang mit denen, die uns nahestehen, versäumen wir manches. Gerade mit denen, die zu unserem täglichen Leben gehören, ist das Potenzial groß, weil wir uns hier nicht dauerhaft verstellen können. Unsere Familie und unsere engen Freunde kennen unsere Schwächen gut, unsere Unzulänglichkeiten bekommen sie zu spüren.

Vergebung ist ein Weg, sie braucht Zeit und lässt sich nicht herbeireden. Aber dieser Weg soll immer neu beschritten werden. Damit das Zusammenleben niemandem zur untragbaren Last wird. Dazu gehört, dass uns vergeben wird und dass wir vergeben.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen – diese letzte Bitte irritiert. Führt Gott uns in Versuchung? Sind wir seine Versuchskaninchen, denen eine neue Sünde eingeimpft wird, um zu sehen, wie sie sich verändern, ob ihr Immunsystem stark genug ist? Dieser Gedanke hat nicht wenig Verzweiflung ausgelöst in der Geschichte. Der Sinn dieser Worte ist aber ein anderer. Darum wird auch zurecht hier und da übersetzt mit: Bewahre uns vor der Versuchung. Denn diese ist allgegenwärtig. Wir werden schuldig, weil wir Einflüssen ausgesetzt sind, die uns verleiten, das Falsche zu tun. Der Präsident der USA ist ein Lügner ohne Kompetenz. Aber wenn ich als Republikaner meinen Posten behalten möchte, kann ich ihm nicht widersprechen. Ich verteidige also die Lüge und behalte meine privilegierte Stellung. Das Beispiel scheint von weit hergeholt, aber es ist eine alltägliche Erfahrung, dass ich meine Stellung in der Welt behaupten muss. Dass die Angst groß ist, was andere über mich denken und sagen könnten. Die Angst, Privilegien zu verlieren ist nicht zuletzt Triebfeder für rechtsextremes Gepolter gegen Minderheiten, die ihre berechtigen Interessen vertreten.

Erlösung bedeutet immer auch Heilung, so auch im Vaterunser. Wir sollen geheilt werden von unserer Ichbezogenheit, die mich auf Kosten anderer leben lässt. Die anderen und auch mir das Leben schwer macht.

Das Vaterunser endet mit dem Lobpreis Gottes: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Dieser Lobpreis wurde später an das Gebet Jesu angehängt. Er ist aber folgerichtig. Wenn ich das Gebet gesprochen habe braucht es einen Abschluss. Jeder und jede betet es persönlich, mit seinem Hintergrund, seinen Überzeugungen, Ansichten und Erfahrungen. Meine Stärken und Schwächen finden in diesem Gebet ihren Niederschlag. Mir ist klar, dass sich nicht alles gleich wie von Geisterhand zum Guten wendet. Im realistischen Blick auf das Leben mit seinen Höhen und Tiefen bleibt am Ende immer nur das Gotteslob. Dem zu danke, der mich gewollt hat. Den zu loben, der mich liebt.

So endet dieses Gebet, diese Anleitung zum Beten wie jedes Gespräch mit dem lieben Gott: So sei es! Amen!

 

1.) Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst.
Der trotz all seiner Größe immer ansprechbar ist.

2.) Deine Herrschaft soll kommen, das, was du willst, geschehen.
Auf der Erde, im Himmel sollen alle es sehn.

3.) Gib uns das, was wir brauchen, gib uns heute unser Brot.
Und vergib uns den Aufstand gegen dich und dein Gebot.

4.) Lehre uns zu vergeben, so wie du uns vergibst.
Lass uns treu zu dir stehen, so wie du immer liebst.

5,) Nimm Gedanken des Zweifels und der Anfechtung fort.
Mach uns frei von dem Bösen durch dein mächtiges Wort.

6.) Deine Macht hat kein Ende, wir vertrauen darauf.
Bist ein herrlicher Herrscher und dein Reich hört nie auf.
……..
Vater, unser Vater, alle Ehre deinem Namen.
Vater, unser Vater, bis ans Ende der Zeiten… Amen. (NL 8)

Hygieneregeln für den Gottesdienstbesuch

Predigt zum Sonntag Kantate – 10.05.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

Kantate – Singt!  So ist der Name des heutigen vierten Sonntags nach dem Osterfest. Er leitet sich her von Psalm 98, in dem es heißt: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ 

 

Nun - mit dem Singen wird es heute eher schwierig sein. Jedenfalls gibt es bei uns keinen Gesang in gottesdienstlicher Gemeinschaft. Denn nach wie vor befinden wir uns mehr oder weniger in einem sogenannten „Shutdown“ oder „lockdown“ und müssen im sozialen Leben noch immer Abstand halten.

Gott sei Dank (!) konnten die Regelungen inzwischen etwas gelockert werden und seit der Zeit nach dem 3. Mai sind Gottesdienste - unter Auflagen -  wieder möglich.

Vermutlich und voraussichtlich wird dieser heutige Tag also auch für unsere Gemeinde und für diese jetzige Zeit der letzte Sonntag ohne Gottesdienst sein:

Der Kirchengemeinderat als verantwortendes Gremium unserer Gemeinde wird in der kommenden Woche darüber beraten und dann gemeinsam entscheiden, ob und ggf. wie wir unter den gegebenen Vorgaben und Bedingungen uns in unseren Kirchen wieder versammeln.  

– Dennoch: Auch dann wird es vorläufig keinen gemeinsamen Gemeindegesang im Gottesdienst geben. So sind die Auflagen bisher. Es wird anders sein, ungewohnt, eingeschränkt. Es wird etwas Wichtiges fehlen.

 

Singen, das ist eine Lebensäußerung. Manche singen sehr leicht und sehr gerne. Andere wiederum fühlen sich eher gehemmt und trauen sich nicht so recht, schrecken vielleicht sogar vor der eigenen Stimme zurück.

 

Ich jedenfalls kenne das auch. Manchmal scheue ich mich, meine eigene Stimme herauszulassen und könnte nicht einmal im Auto, wenn ich alleine auf der Straße bin und außer mir kein Mensch zuhört, vor mich hinsingen.

Ein anderes Mal wiederum – meist eher wenn ich entspannt und zufrieden bin – passiert es, dass Töne aus mir herausfließen, dass ich einfach vor mich hin summe, ohne darüber nachzudenken und plötzlich merke: Mensch, du singst ja. 

Ganz anders, meine Frau:  Sie ist oft und in allem möglichen Lebenslagen am Singen.

 

Als wir vor Jahren umgezogen sind und das alte Haus räumten - war ich, typisch Schwabe vielleicht  -  den ganzen Tag konzentriert am Schaffen. Meine Frau sang. Sie sang den ganzen Tag vor sich hin. Auch sie hat den ganzen Tag geschafft, das Haus ausgeräumt und geputzt  -  nur eben: anders als ich.

Irgendwann am Abend, als wir beide schon ziemlich müde und geschafft waren, das Nervenkostüm schon eher etwas ausgedünnt, musste es raus (und zugegeben:  wahrscheinlich kam es nicht mit der allergrößten, mir zur Verfügung stehenden Freundlichkeit…):  Mensch, musst du eigentlich die ganze Zeit singen? Sie antwortete: „Verstehst du nicht? Die ganze Arbeit, die Anstrengung, der Abschied… Ich kann das nicht anders. Ich brauche es !  )

Da erst wurde mir klar: Sie sang nicht aus reinen Vergnügen und fröhlich so vor sich hin. Es war eine Lebensäußerung. Es war eine Art, mit ihren Gedanken und Gefühlen umzugehen. Und es war Kraftquelle.

 

Singen ist eine Lebensäußerung! Aber wo begegnet uns solches Leben?

Und wo fügen wir uns selbst in solchen Lebensfluss mit ein?

 

Am ehesten kennen wir Gesang – abgesehen von Konsumieren als Zuhörer, oder wenn wir nicht gerade selbst in einem Chor mitsingen – wohl am ehesten noch vom Singen vieler Menschen im Festzelt oder im Fußballstadion, beim Eishockey oder bei sonstigen Massenveranstaltungen.

Es wurde schon viel darüber nachgedacht, ob solche Veranstaltungen heute zu einer Art „Ersatz-Gottesdienst“ geworden seien…

 

Ich will es hier einmal dahingestellt sein lassen und zu einem ganz anderen, ganz alten gottesdienstlichen Geschehen gehen.

Wir lesen davon in der Bibel, im 2.Chr. 5. Ich lese die Verse 2-5.10-14 (in der Fassung der Einheitsübersetzung).

 

2 Damals versammelte Salomo die Ältesten Israels, alle Stammesführer und die Anführer der israelitischen Großfamilien in Jerusalem, um die Bundeslade des HERRN aus der Stadt Davids, das ist Zion, heraufzuholen.

3 Am Fest, das ist im siebten Monat, kamen alle Männer Israels beim König zusammen.

4 Nachdem alle Ältesten gekommen waren, nahmen die Leviten die Lade

5 und brachten sie zugleich mit dem Offenbarungszelt und den heiligen Geräten, die im Zelt waren, hinauf. Die levitischen Priester übernahmen den Trägerdienst. (…)

10 In der Lade befanden sich nur die zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit den Israeliten beim Auszug aus Ägypten geschlossen hatte.

11 Darauf traten die Priester aus dem Heiligtum. Alle, die gekommen waren, unabhängig davon, zu welcher Abteilung sie gehörten, hatten sich geheiligt.

12 Die levitischen Sänger, Asaf, Heman, Jedutun, ihre Söhne und Brüder, standen alle, in Byssus gekleidet, mit Zimbeln, Harfen und Zithern an der Ostseite des Altars. Bei ihnen waren hundertzwanzig Priester, die auf Trompeten bliesen.

13 Es kam wie aus einem Mund, wenn die Trompeter und Sänger gleichzeitig zum Lob und Preis des HERRN sich vernehmen ließen. Als sie mit ihren Trompeten, Zimbeln und Musikinstrumenten einsetzten und den HERRN priesen - Denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig -, erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des HERRN.

14 Die Priester konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

 

Drei kurze Gedankenanstöße, die mir beim Lesen des Abschnitts gekommen sind, möchte ich Ihnen gerne einfach weitergeben:

 

Erster Anstoß:

In Vers 10 heißt es: In der Lade befanden sich nur die zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit den Israeliten beim Auszug aus Ägypten geschlossen hatte.

 

In diesen Tagen einer ganz besonderen Zeit haben sich wahrscheinlich viele Gedanken darüber gemacht, was wirklich wichtig ist und was wir wirklich notwendig zum Leben brauchen.

 

Sind es all die Dinge, die uns sonst so selbstverständlich waren, die wir so gewohnt waren? Angefangen vom täglichen Einkauf aller Dinge, die wir brauchten oder auch nur wollten. Über Begegnungen, Gespräche, Gemeinschaft mit Menschen, die uns so selbstverständlich war wie das gemeinsame Ausgehen hin und wieder zum Essen oder zusammen etwas zu trinken in einer Kneipe. Oder eine gemeinsame Feier aus irgendeinem Anlass. Bis hin zum Ausflug oder zur Urlaubsreise, wohin es uns gefiel und je nachdem, was wir uns im finanziellen und zeitlichen Rahmen leisten konnten. 

 

Hier steht: In dem, was in das Allerheiligste des Tempels gebracht wurde, waren lediglich nur die zwei Tafeln des Bundes Gottes mit seinem Volk.

Die wenigen zentralen Grundregeln fürs Leben, die Zehn Gebote. Ein paar grundlegende Regeln der Achtung des Schöpfers und der gegenseitigen Achtung und Wertschätzung. Alles andere, was dem Leben und der Seligkeit dient, erwächst daraus. Jesus hat es später sogar noch reduziert: Liebe Gott und deinen Mitmenschen, das ist genug.

Das Gesetz Gottes lässt uns viel Freiheit – aber es fordert auch gute Verantwortung.

 

Zweiter Gedankenanstoß:

In Vers 13 heißt es: Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn.

 

Die Ausrichtung auf Gott hin, dient nicht nur dem Lob Gottes. Es dient auch der Gemeinschaft, dem Zusammenspiel vieler Menschen. Auch in aller Unterschiedlichkeit. So, dass ein funktionierendes Zusammenspiel möglich wird, dass sich bei aller Vielfalt ein Zusammenklang ergeben kann, der nicht nur funktioniert als dem Leben dienliche Harmonie, sondern auch noch Schönheit des Lebens birgt und freisetzt. 

„Es war, als wäre es einer“  -  Nicht nur inmitten der Krise, besonders auch wenn es wieder offener sein kann im Leben, wird es eine große Aufgabe bleiben, aus dem Klang der vielen Stimmen einen funktionierenden Zusammenklang zu finden und zu formen.

Unabdingbar wichtig und notwendig ist dafür in jedem Fall eines: gutes Hören aufeinander. Ohne das kann Zusammenklag nicht sein.

 

Dritter Gedankenanstoß:

Der letzte Vers unseres Abschnittes (V. 14) sagt: Die Priester konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Wir Menschen meinen oft, so viel selbst machen zu müssen, bestimmen und beherrschen zu müssen - oder: wollen es so.

 

Vielleicht wäre es manchmal hilfreich und richtiger, mehr sein zu lassen, los zu lassen.

Aber dafür mehr und genauer hinzusehen, wahrzunehmen, was ist,

was das Leben wirklich braucht. Und wahrzunehmen, was Gott tut.

 

Wenn jetzt wieder mehr Aktivität möglich wird, auch notwendig sein wird,

wenn wieder mehr Handeln im Alltag, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft,

im Zusammenwirken der vielen Stimmen möglich wird,

wäre es doch gut, wenn wir als einzelne, wie als „Welt-Gesellschaft“ die Chancen der Krise nicht verpassen würden, weil wir meinen, schnell wieder das Gewohnte, Bisherige her- und einstellen zu müssen. Oder weil manche es so wollen.

 

Bei allem Suchen und Fragen:

Vielleicht geht es darum, nicht nur das bisher bekannte und gewohnte „System“ am Laufen zu halten, aber zu sehen, was möglich sein oder werden kann.

- „Die Priester konnten ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“

 

In einem, der Lieder, die wir  – hoffentlich bald wieder miteinander –

im Gottesdienst singen, heißt es:

 

Suchen und fragen, hoffen und sehn,

miteinander glauben und sich verstehn,

lachen sich öffnen, tanzen, befrein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

 

Klagende hören, Trauernde sehn,

aneinander glauben und sich verstehn,

auf unsere Armut lässt Gott sich ein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

 

Planen und bauen, Neuland begehn,

füreinander glauben und sich verstehn,

leben für viele, Brot sein und Wein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

 

aus: „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder; plus“. Nr. 82

Text: Michel Scouarnec; dt.: Diethard Zils

Musik: Jo Akepsimas

 

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche.

Bleiben sie behütet, gesegnet und bewahrt.

Predigt zum Sonntag Jubilate – 03.05.2020 - als Text und zum Anhören

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Johannes 15,1-8)

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt viele Fragen an diesen Text – die gab es vermutlich schon immer. Der Text vom Weinstock, dessen Reben entweder gereinigt werden oder abgeschnitten, ist kompromisslos. Er fordert Widerspruch heraus. Wir alle kennen Leute, die zwar nicht gläubig sind, aber einfach anständige Menschen. Sie tun Gutes, engagieren sich etwa in der Flüchtlingsarbeit, kaufen für die betagte Nachbarin ein, achten auf einen nachhaltigen Lebensstil, lachen auf der Straße die anderen an. Das soll alles wertlos sein, nur weil jemand nicht an Christus glaubt, oder anders gesagt nicht in ihm ist? Was soll das für ein Gott sein, der so denkt?

Werfen wir einen Blick auf die Entstehung des Textes. Die johanneische Gemeinde hat ein Problem, das Gemeinden damals haben: Der Herr ist noch nicht wiedergekommen. Das hatte er angekündigt. Eigentlich sollte das ja bald passieren. Enttäuschung macht sich breit, viele Gläubige kehren zu dem zurück, was sie geglaubt haben, was sie kennen. Sie gehen also wieder in die Synagoge oder zu anderen Göttern ihrer Kindheit, an die sie gewohnt waren. Keine Experimente mehr.

Jetzt beginnt eine Zeit, in der sich der neue Glaube in der Welt etablieren muss. Es wird sich entscheiden, ob das Christentum einen langen Atem hat oder eine kurzlebige Sekte bleibt.

Die Gemeinden spüren den Exodus der Gläubigen hin zu den lang etablierten Religionen und anderen Sinnangeboten. Da überrascht es schon weniger, dass der Evangelist hier Kompromisse scheut. Die Botschaft des Textes ist darum auch nicht: Tut Gutes oder: Bringt Früchte – sondern: Bleibt in mir!

Das Bild von der Rebe am Weinstock stößt denn auch an seine Grenzen. Denn die Rebe entscheidet nicht, ob sie am Weinstock bleibt, sie hat da nichts mitzureden. Der gläubige Christ hat das nach Johannes aber schon. Er kann bleiben oder gehen.

Jesus Christus, das steht für den Evangelisten fest, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Darum ist die Botschaft klar und kompromisslos: Bei Christus ist zu bleiben, er wird erlösen. Man könnte auch sagen: Haltet durch, lasst Euch nicht davon täuschen, dass der Herr noch nicht wiedergekommen ist. Er bleibt der Herr, er bleibt in Euch und ihr in ihm.

Liebe Gemeinde!

Es ist wichtig, den Hintergrund zu verstehen, wenn man die Kompromisslosigkeit mancher Bibelstellen vor Augen hat. Denn allzu schnell ist man sonst bei einem Schwarz-Weiß-Denken und daraus entsteht die schlimme Frucht des Fundamentalismus. Dann gibt es nur ganz oder gar nicht. Dann werden Menschen ausgeschlossen und zurückgelassen.

Das menschliche Leben ist komplexer, zerbrechlicher, ungenauer. Wir müssen dieser Erfahrung, dieser Wirklichkeit Rechnung tragen, wenn wir einem Gott gerecht werden wollen, der Mensch geworden ist. Darum hängen wir auch nicht am Wortlaut der Bibel, sondern wir hängen an einem Gott, dessen Geschichte in der Bibel erzählt wird. Ein Gott, der das Menschsein ganz durchdrungen hat, der weiß, wie schwierig, wie zerbrechlich, wie kompliziert und vieldeutig das Leben sein kann.

Liebe Gemeinde!

Zwei Gedanken zum Text unter einem etwas anderen Blickwinkel können vielleicht weiterhelfen.

Der erste Gedanke dreht den Text quasi um, aber kann das Bleiben in Christus genauer aufzeigen: An den Früchten werde man die falschen Propheten erkennen, heißt es in Matthäus 7,16. Auf den Predigttext bezogen kann man das so sehen: Wer gute Früchte bringt, der zeigt damit, dass er ein Leben im Sinne Jesu Christi und seines Vaters, des liebevollen Gottes, führt. Wer sich etwa für die Schwachen, die Ausgegrenzten, die Verstoßenen einsetzt, der handelt dem Willen Gottes entsprechend. Was er einem Geringen getan hat, hat er Jesus Christus getan (vgl. Mt 25,40b). Er ist also in Christus und damit Gott geblieben, ob er selbst das nun glaubt oder nicht. – Umgekehrt ist es genauso. Wer die Schwachen gegeneinander ausspielt, weil er sich Machtgewinn erhofft von den Unzufriedenen, gerade auch in der jetzigen Krise, der liegt daneben. Wer Menschen ausgrenzt, diskriminiert und herabwürdigt, der kann noch so fromm reden, er hat die frohe Botschaft nicht verstanden.

Der zweite Gedanke ist grundsätzlicher. Christus der Weinstock, wir die Reben, Gott der Winzer. Hier wird eine Beziehung ausgedrückt, in der wir als Menschen leben. Und in dieser Beziehung sind wir Angewiesene. Menschen sind Angewiesene. In der Krise erleben wir das sehr konkret. Wir sind angewiesen darauf, dass jemand an der Kasse im Supermarkt sitzt und wir das Lebensnotwendige kaufen können. Wir sind angewiesen darauf, dass Sanitäter und Ärztinnen da sind, wenn es uns schlecht geht und wir sie brauchen. Wir sind auf den Staat angewiesen, wenn wir in Nöte kommen. Gregor Gysi saß eines Tages auf dem Podium und redete über soziale Gerechtigkeit. Ein Mann im Publikum betonte, jeder sei für sich selbst verantwortlich. Er selbst müsse sehen, dass es ihm und seiner Familie gut gehe. Darauf antwortete Gysi: Hartz IV zahlen Sie sich nicht selber aus. – Wir wären gerne unseres eigenen Glückes Schmied. Abhängigkeit und Angewiesenheit gehen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und der Schwäche einher.

Der Predigttext macht uns auf die grundsätzliche Angewiesenheit unseres Lebens aufmerksam. Ob wir gläubig sind oder nicht, wir sind immer angewiesen – auf andere, aber auch auf etwas Größeres. Die Menschheit hat gerade eine Aufgabe zu bewältigen, mit einer bisher unbekannten Krankheit fertig zu werden. Das zeigt nur, dass wir auch sonst angewiesen sind aufeinander, nur merken wir es sonst vielleicht nicht so drastisch. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass wir angewiesen sind auf einen Gott, der das Leben gewollt und bejaht hat.

Wir können viel selbst gestalten im alltäglichen Leben. Wir können viel tun für unsere Gesundheit und für das Alter vorsorgen. Letzte Sicherheit haben wir aber nie. Denn das Leben haben wir uns nicht selber gegeben. Johannes Rau wurde einst gefragt, was denn für ihn sein Christsein bedeute. Er antwortete: Dass ich mein Leben als ein Geschenk betrachte.

Liebe Gemeinde!

Wenn uns Jesus Christus sagt, wir sollen in ihm bleiben, dann bedeutet das, wir sollen unsere Angewiesenheit anerkennen. Angewiesenheit auf etwas Größeres. Auf die Solidarität der Menschheit etwa. Denn wir leben niemals ganz isoliert voneinander. Das ist gut so. Gerade jetzt, wo die Reisefreiheit eingeschränkt ist, merken wir das deutlich. Wir sind auf diesem Planeten verbunden miteinander. Das gilt es, anzuerkennen und zum Wohle aller Menschen das Beste daraus zu machen.

Wir sollen in Christus bleiben. Wir sind angewiesen auf etwas Größeres. Sicher, diese Angewiesenheit auf Gott kann als schmerzhafte Abhängigkeit erlebt werden. Immer dann, wenn wir so wie jetzt die Zerbrechlichkeit und Hilflosigkeit erfahren. Es wäre doch einfacher, wenn wir selbst alles in der Hand hätten und einfach sagen könnten, ob und wie das Leben weitergeht und sicher sein könnten, dass es auch so kommt.

Wir sind abhängig und angewiesen. Aber eben auf einen liebenden Gott. Unser Leben ist ein Geschenk. Wir sollen es als Beschenkte so gestalten, dass es dem Schenker Ehre macht. Darin wird mein Vater verherrlicht, sagt Christus. In Christus zu bleiben heißt, unsere Angewiesenheit anzuerkennen, sie zu bejahen. Uns Gedanken zu machen, wie die Frohe Botschaft dieses Gottes, wie seine Liebe in der Welt vorangebracht werden können. Weil wir an ihm hängen, können wir das. Unsere Angewiesenheit wird zur Stärke.

Denn wir sind nicht nur in ihm, sondern auch er in uns! Damit kann man leben!

Amen.

 

Wie bist du mir so zart gewogen.
Und wie verlangt dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen
neigt sich mein Alles auch zu dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
du hast mich und ich dich erlesen.

(aus EG 641)

Predigt zum Sonntag Misericordias Domini – 26.04.2020 - als Text und zum Anhören

21b Er hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr ihm in seiner Fußspur nachfolgt.

22 Er hat keine Schuld auf sich geladen und aus seinem Mund kam nie ein unwahres Wort.

23 Wenn er beschimpft wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er litt, drohte er nicht mit Vergeltung. Sondern er übergab seine Sache dem gerechten Richter.

24 Er selbst hat unsere Sünde mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz. Dadurch sind wir für die Sünde tot und können für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.

25 Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten und Beschützer zurückgekehrt.

 

Liebe Gemeinde,

In Fürsorge um rechte Orientierung der Gläubigen in christlichen Gemeinden von Kleinasien wohl im Zeitraum grob zu Beginn des zweiten Jahrhunderts schreibt der Verfasser des Petrusbriefes eine Art Hirtenbrief.

Die Gemeindeglieder, für die der Brief geschrieben wurde, lebten unter gesellschaftlicher Verachtung oder gar Verfolgung. In verschiedenen Bildern versucht der Schreiber zu erklären, wie er sich das Leben als Christen und Christinnen in der Gesellschaft vorstellt. Das Wort vom „Beispiel“, oder dem „Muster“, der „Vorlage“ zum Nachschreiben (hypogrammos) hat dabei eine gewisse Bedeutung. Sie sollten das Bild des Lebens Christi mit dem eigenen Leben nachschreiben, nachzeichnen.   

Er hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr ihm in seiner Fußspur nachfolgt. Er hat keine Schuld auf sich geladen und aus seinem Mund kam nie ein unwahres Wort.

Wenn er beschimpft wurde, gab er es nicht zurück.

Wenn er litt, drohte er nicht mit Vergeltung. Sondern er übergab seine Sache dem gerechten Richter.

Er selbst hat unsere Sünde mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz. Dadurch sind wir für die Sünde tot und können für die Gerechtigkeit leben.“

 

 

Solche Aussagen - stille und hinnehmende, erduldende Anpassung an die jeweils herrschenden Verhältnisse, Ergebung in Not und Leid als Gebot und Wille Gottes -

ich meine, das ist mit Vorsicht zu hören und zu gebrauchen:

Zu leicht und zu schnell könnte damit Menschen, denen es schlecht geht, nahegelegt werden, ihr Leiden angepasst zu erdulden und zu rationalisieren, als „Leiden in der Nachfolge Christi“.

 

Nein, Gott hat keine Freude daran, wenn Menschen leiden. Im Gegenteil: Das Leid von kranken Menschen etwa hat Jesus zu seinen Lebzeiten so manches Mal derart gedauert, dass er durchaus sinnvolle und nicht unwichtige religiöse und gesellschaftliche Konvention und Gesetzgebung wie etwa das Sabbatgebot schon mal durchbrach, um ihnen zu helfen. Dabei lehnte er diese Gebote gar nicht ab. Nur: Die Menschen waren ihm wichtiger, als die Buchstaben der Gesetze.

 

Vielleicht ist es hilfreich, sich mit dem Begriff des Musters, der Vorlage, oder der „Vor-Schrift“, noch einmal näher auseinanderzusetzen.

Man kann an das Beispiel eines geschriebenen Wortes beim Schreibenlernen denken. Jeder entwickelt nach dem Erlernen beim Schreiben seinen eigenen, erkennbaren Schriftstil. Man kann auch an das Nachzeichnen eines Musters denken, wenn man ein Mandala ausmalt. Eine Figur, eine Vorlage, die man mit Farben, nachzeichnen kann, gestalten kann, wie man gerne möchte. Das Schöne sind nicht allein die sich immer wieder neu ergebenden Farbmöglichkeiten. Man kann sich darüber hinaus beim Malen und Ausfüllen des Musters ja auch in die Tiefe der eigenen Seele und in die Ordnung der Welt versenken und auf diese Weise neu und anders zu sich kommen, ruhig werden. Meditieren.

Man kann auch an ein Malheft denken. (Leider nehmen wir uns als Erwachsene ja oft einfach die Zeit nicht, einmal ein Bild auszumalen.) Linien und Muster,  Zusammenhänge sind dabei vorgezeichnet. Manchmal werden auch Farbangaben gemacht. Und sie sind hilfreich. Aber die Farben können eigentlich auch frei gewählt und benutzt werden - jeweils mit dem ganz eignen, der individuellen Persönlichkeit entsprechenden Maß an Phantasie und Vorstellungskraft oder -lust, Exaktheit und Sorgfalt.

 

Man kann auch an ein Schnittmuster denken: Linien und sich daraus ergebende Einzelteile, die man auf Stoff übertragen und ausschneiden und aus denen man sich ein Kleidungsstück nähen kann. In Texten des Neuen Testaments wird bildhaft von den „Kleidern“ gesprochen, die die Gläubigen anziehen sollen. Im Epheserbrief etwa heißt es: Legt ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel (…) und zieht an den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist (…) (Kap. 4). Oder später ist sogar die Rede von der „Waffenrüstung Gottes“, die die Christen und Christinnen anlegen sollten, um gegen die Anschläge des Teufels zu bestehen (Kap. 6).  Sinnvoller Weise sollten solche „Kleider“ auch passen zur Person des Menschen, zu seiner oder ihrer Gestalt.  Und: das bedeutet viel mehr, als nur die bloßen Körpermaße.

 

Der Hirtenbrief des Verfassers des Petrusbriefes zielt auf die Ausgestaltung des Lebens nach dem Vorbild Christi. Dabei begegnet uns ein Gedanke, der damals so schwierig und herausfordernd war, wie er es heute ist:

Christus hat sich nicht gewehrt, als man ihn schmähte und schließlich gar tötete. Er hat nicht gedroht mit seiner Macht und zurückgeschlagen, als er litt. Christus durchbrach mit seinem Verhalten die normale, oft übliche Logik menschlichen Miteinanders - oder vielmehr: Gegeneinanders.

 

Die sogenannte „goldene Regel“ – Was du willst, das dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen auch – geht dagegen von der Möglichkeit zum Guten aus.

Diese Regel wird hier von Christus aber sogar noch überboten: Er setzt dem gewalttätigen Machtstreben und der Selbstbezogenheit der Herrscher seiner Zeit ein anderes Verhalten entgegen.

Und der Verfasser des Petrusbriefs rät den Christinnen und Christen seiner Zeit in ihrer bedrängten Situation sich daran zu orientieren: Wehrt euch nicht gegen die Ungerechtigkeit. Überrascht und überzeugt eure Kritiker und Gegner und setzt gegen die Feindseligkeit die Kraft der Freundlichkeit!

 

Nicht nur damals, auch heute, in einer Zeit, wo weltweit rücksichtsloser Narzissmus und ein eigenartiges – „Ich und meine Interessen an erster Stelle“ sich immer wieder so anscheinend erfolgreich zeigen, ist der Verzicht auf Vergeltung vielleicht eine der größten Herausforderungen für uns Menschen.

Christi Leiden und Sterben sind ein Zeichen, wie schwer es diese Freundlichkeit und Nicht-Vergeltung hat. Er wurde umgebracht, obwohl es Menschen gab, die ahnten und verstanden, dass er eine andere, tiefe Wahrheit in die Welt und die sich ausbreitende Machtkultur des Römischen Reiches brachte. Vielleicht haben manche seiner Gegner auch deshalb seinen Tod gewollt, weil sie die große Herausforderung durch diese andere Art, zu leben und zu sein, scheuten und fürchteten und einfach nicht verstanden – oder verstehen wollten.

 

In der jetzt gerade durchlebten Coronakrise hat sich an so manchen und unterschiedlichen Stellen immer wieder beiderlei Verhalten gezeigt:

Angefangen vom ersten Impuls bei Staaten innerhalb der Gemeinschaft Europas, die Ausfuhr von Schutzmasken in andere Länder durch Verbot zu unterbinden, über einen sich schnell entwickelnden Wettkampf zwischen Staaten der Welt beim Erwerben von Schutzmasken auf dem weltweiten Markt - im Zweifelsfall auch, indem man schon bestellte Lieferungen an andere Länder einfach unterband, um selbst an die Masken zu kommen, oder indem man einen höheren Preis bot, als andere bieten konnten.

Doch man braucht gar nicht so weit weg zu schauen: Es gab auch das Stehlen und Entwenden von Desinfektionsmitteln, auch direkt aus Krankenhäusern heraus, oder die Tatsache, dass Atemschutzmasken, ganze Teile von dringend erwarteten Lieferungen, einfach verschwanden und entwendet wurden. Bis hin zum glatten Verbrechen bei Zuwendungen, als Betrüger sich mit gefälschten Antragsformularen im Internet Daten erschlichen und sich so unrechtmäßig Unterstützungsgelder erschlichen, die anderen zugedacht waren, welche sie bitter nötig hatten. Schließlich hat man manchmal den Eindruck, dass auch jetzt wieder große Summen von Unterstützungsgeldern schneller an große Firmen oder Ketten oder Banken ausgezahlt werden, die Möglichkeit und Knowhow haben, schlau und geschickt zu argumentieren, als an kleine Unternehmen oder einzelne Menschen, die solche Argumentationsmöglichkeit oder schlicht den direkten Zugang zu Entscheidungsträgern nicht in gleichem Maß nutzen können.

 

Aber es gab und es gibt auch andere Beispiele:

Das Entwickeln von viel Phantasie, auch Fröhlichkeit und Lebenslust, beim gegenseitigen Unterstützen und füreinander da Sein. Viele Menschen boten sich an und engagierten sich in der Unterstützung beim Einkauf, in der Nachbarschaft im Dorf, für andere Menschen, die Hilfe brauchen.

Es entwickelten sich unterschiedliche Formen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeit und des Dankes für die, die sich einsetzen und die bitter nötig gebraucht werden etwa gerade im Gesundheits- und Pflegebereich. Oft werden gerade sie immer noch deutlich zu schlecht entlohnt.

Eines der für mich eindrucksvollsten Youtube-Videos, die ich dieser Tage gesehen habe:  Der anerkennende, fröhliche, aber auch tiefernste Lärm, den die Bewohner in den Hochhausschluchten von New York an jedem Abend machten, mit Klatschen Pfeifen, Rufen, Töpfe schlagen, hupen und allem möglichen, das ihnen einfiel, als Dank an die Mitarbeitenden von Krankenhäusern, wenn diese ihren Schichtwechsel hatten.

 

Ich will viel lieber in einer Welt leben, wo es weniger große, mächtige, Firmen, Konzerne und Ketten oder Interessensgruppen gibt, die ohne Rücksicht vor allem an Umsatz und Gewinnzahlen orientiert sind. Schlicht und einfach auch deshalb, weil das dahinterstehende Denk- und Wertesystem so funktioniert. Aber wo es Menschen gibt, die mit Menschlichkeit, Rücksicht, gegenseitiger Aufmerksamkeit und Sorge und mit fröhlicher Phantasie einander begegnen. Dabei geht manches vielleicht auch schief und manches ist vielleicht auch einfach schräg und komisch – eigenartig – aber es ist eine lebensfreundlichere und lebenswertere Welt.

Und ich hoffe, dass wir nach der Krise alle miteinander nicht wieder viel zu schnell in den alten Trott verfallen, weitermachen wie zuvor, sondern uns auch dann noch Zeit und Raum nehmen, manches vielleicht langsamer zu machen, aber besser darüber nachzudenken wie und mit welchen Farben wir die Lebensmuster ausfüllen möchten und können, die uns als Beispiel und Orientierung geschenkt und gegeben sind.

Und dass wir lernen, so zu handeln, dass Mitmenschlichkeit und Freundlichkeit zum Leben geschützt und gestärkt werden.

Das wäre doch schön.  Amen

 

 

Als Gebet ein Lied aus unsrem Gesangbuch  (EG 635)

 

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

für die Ängste, für die Sorgen,

für das Leben heut und morgen.

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut.

 

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

für die Wahrheit einzustehen

und die Not um uns zu sehen.

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut.

 

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

für die Zeit, in der wir leben,

für die Liebe, die wir geben.

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut.

 

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

für die vielen kleinen Schritte.

Gott, bleib du in unsrer Mitte.

Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut.

Irmgard Spiecker , 1970

 

 

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche. 

Seien Sie und bleiben Sie behütet und gesegnet.

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (Wie die Neugeborenen) – 19.04.2020 - als Text und zum Anhören

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (Wie die Neugeborenen) – 19.04.2020

Da wohnt ein Sehnen tief in uns NL+ Nr. 116

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,26-31)

 

Liebe Gemeinde! Das 40ste Kapitel des Buches Jesaja eröffnet einen neuen Abschnitt. Hier spricht ein uns namentlich unbekannter Prophet, der später an die vorangehenden Kapitel angeschlossen wurde. Er hat uns einiges zu sagen, dieser Prophet, das ganze Kapitel ist lesenswert. Berühmte Bibelstellen sind darin reichlich vorhanden. Wir werden an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert, wie zerbrechlich und kurz es ist. Ursprünglich richtete sich der Text an die Verbannten Israels. Aber alle Beschreibungen Menschlichen Leids stehen darin verwoben mit dem Thema des Trostes. Tröstet, tröstet mein Volk! So beginnt das Kapitel. Und es endet mit dem Predigttext.

Der Theologe Paul Tillich (1886-1965) hat das ganze Kapitel ausgelegt. Damals noch im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Er schreibt über die schlimmen Auswüchse seiner Zeit, wie Menschen ausgeschlossen und umgebracht werden im Krieg und in den Lagern. Auf diesem Hintergrund betont er, dass diese Worte im Hinblick auf das menschliche Leid Ablehnung oder gar Zynismus hervorrufen können. Wir sind mitten ins Leben gestellt, wir wissen es doch besser, dass Leid und Verzweiflung die Realität sind. Da kommen einem die Worte des Propheten eher frömmelnd vor, eine Vertröstung. Man solle sich doch zusammenreißen, solle die Hoffnung bloß nicht verlieren, weil Gott doch trotzdem gut sei, alles würde irgendwann gut usw.

Tillich schreibt, seine Zeitgenossen seien davon ausgegangen – nach dem Ersten Weltkrieg – dass nun alles gut werden würde. Der Fortschritt bringe der Menschheit Segen und die Gesellschaft habe das Schlimme überwunden, es sei ein für allemal vorbei mit der Macht des Hassens. Kommt uns das bekannt vor?

Aber Tillich sieht trotzdem das Gute an dem Text, die Hoffnung, die er eben nicht vergeblich macht. Damit steht er sicherlich in der Tradition der ersten Hörer*innen dieser Worte. Auch sie haben die Katastrophe der Verbannung erlebt, die eigene Hilflosigkeit schmerzlich erfahren. Aber auch sie haben, bei genauem Hinhören, etwas vom Trost dieser Worte erfahren. Tillich betont zurecht, dass der Prophet ein schonungslos realistisches Bild des Menschseins hat. Wir sind endlich, wir erleben unsere Hilflosigkeit und Endlichkeit schmerzlich. Tillich schreibt weitsichtig: „Lasst uns aus der Katastrophe unserer Zeit wenigstens das eine lernen, dass kein Leben und kein Zeitalter imstande ist, Endlichkeit, Sünde und Tragik zu überwinden.“

Der Theologe stellt im Blick auf die schlimmen menschlichen Erfahrungen und den biblischen Text fest, dass es zwei Seinsordnungen gebe. Im Prinzip zwei Welten, zu denen der Mensch gehöre. Die eine ist die geschichtliche, in der wir erleben, dass der Schwache ausgenutzt wird, in der Menschen leiden. Die andere ist die, welche der Prophet uns darlegt. Eine Welt, in der es genau andersherum zugeht. Der Schwache erhält Kraft, er wird nicht müde. Diese zweite Seinsordnung stellt die erste auf den Kopf, sie verdreht die erfahrbare Realität ins Gegenteil. Sie ist unglaublich, aber wir erleben eben auch, dass  gerade sie uns tief berührt. „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“, so heißt es im Neuen Liederbuch (NL+ 116). 

Liebe Gemeinde! Paul Tillich schlägt verschiedene Antworten auf diesen Zustand des Menschseins vor: Erstens können wir glauben, dass diese beiden Ordnungen nichts miteinander zu tun haben. Wir sehen die Realität und wissen, dass Gott ganz anders ist.

Zweitens können wir glauben, dass der Mensch zu beiden Ordnungen gehört. Wir haben Anteil an beiden Welten, weil „ein Sehnen tief in uns“ wohnt. So sehen wir über die hiesige Welt mit ihren Unzulänglichkeiten und Niederungen hinaus.

Drittens können wir noch weitergehen und sagen, dass beide Ordnungen, beide Welten miteinander verbunden sind. Jesus Christus ist in historischer Zeit am Kreuz gestorben. Dieser Moment der Niederlage, der größten Schwäche hat eine Kraft entfaltet, welche die Welt seither prägt. Immer wieder können wir Momente der Größe erleben, auch im Kleinen. Es wird erzählt von einem Flüchtling, der buchstäblich nichts hatte, als er in Italien an Land geholt wurde. Von den Betreuern erhielt er neue Sandalen, eine Flasche Wasser und ein belegtes Brot. Als eine junge Helferin das seelsorgerliche Gespräch mit ihm suchte, sich zu ihm setzte, da sagte er plötzlich: „Du hast ja gar nichts.“ Er brach sein Brot auseinander und reichte ihr die Hälfte.

Liebe Gemeinde!

Alle diese Antworten auf unser Sein in zwei Welten haben ihre Stärke und Berechtigung. Vielleicht gelingt es uns, die beiden Ordnungen ins Gespräch zu bringen. Die Welt in der wir leben, wo uns Krankheit zusetzt, wo wir Angst haben, wo wir geliebte Menschen beweinen. Und die Welt, in der Gott den Schwachen Kraft gibt, wo er uns Mut macht, wo Tränen getrocknet werden. Auch in dieser Welt leben wir.

Die beiden Welten in Beziehung zu setzen bedeutet, sich den Realitäten zu stellen, aber nicht an ihnen zu verzweifeln. Zu sehen wie das Gute im Kleinen groß ist. Etwas von der einen Welt in die andere zu bringen bedeutet, die Schwachen nicht zu vertrösten, sondern Trost zu spenden, Mut zu machen. Ein Wort, ein Lächeln, eine Geste, die den anderen aufbaut. Geduld lernen, Gelassenheit und Tatkraft.

Wir können so viel mehr, als wir uns denken. Wir sind so viel mehr als was wir sehen!

Amen.

 

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu
sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz –
sei da, sei uns nahe, Gott.

2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht –
sei da, sei uns nahe, Gott.

3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod –
sei da, sei uns nahe, Gott.

4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich –
sei da, sei uns nahe, Gott.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu
sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

NL+ Nr. 116

Text: Eugen Eckert, Melodie: Anne Quigley

Predigt zum Ostermontag, 13.04.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

jetzt ist es also schon fast vorbei, das Osterfest - heute ist Ostermontag.

Ob sich die Osterfreude wohl so recht einstellen konnte in diesem Jahr? An diesem so ganz anderen, sonderbaren Ostern, ohne gemeinsamen Gottesdienst, ohne das gewohnte, „Frohe Ostern!“ beim Ankommen, ohne das übliche „Schöne Feiertage!“ bei der Verabschiedung von anderen Gottesdienstbesuchern nach dem kurzen Schwatz im Anschluss. Ohne die Verse des Liedes 99 „Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis…“ am Ende, nach dem Segen und vor dem frühlingsfröhlichen Orgelnachspiel. Aber auch ohne Familienbesuch, ohne gemeinsamen Osterspaziergang mit Geschwistern, Mutter und Vater, Opa und Oma, Enkel. Es gab wohl  -  gibt wohl  -  manch schmerzliche Lücke und Leerstelle in diesem Jahr…

Nicht anders, eher schlimmer wahrscheinlich noch, wird es bei den Jüngern gewesen sein in Jerusalem zur Zeit des ersten Ostern. In ihrer aus Verzweiflung und (wohlbegründeter) Angst selbstverordneten gemeinsamen Quarantäne.

Der Evangelist Lukas erzählt wie zwei der Jünger auf dem abendlichen Weg von Jerusalem hinaus zum kleinen Ort Emmaus dem Auferstandenen begegnet waren; wie sie ihn nicht erkannt hatten beim Gespräch unterwegs und als er zusammen mit ihnen ins Haus ging. In der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und Teilen, da haben sie ihn plötzlich erkannt. Jedoch sie konnten ihn nicht festhalten. „Er verschwand vor ihnen“, heißt es in der Emmausgeschichte.

Aber sie haben sich sofort aufgemacht und den anderen in der Stadt, in ihrer Quarantäne erzählt von der Begegnung, von der Erkenntnis, von der Offenbarung: Er lebt wirklich! Die irremachenden Worte der Frauen, die am leeren Grab waren, das war kein leeres Geschwätz…!

Da wird es hoch her gegangen sein bei den Jüngerinnen und Jüngern hinter ihren verschlossenen Türen der Enttäuschung, der Angst und Verzweiflung, der Zukunftssorgen und der völligen Verunsicherung: Jetzt kommt ihr auch noch daher! Könnt ihr uns nicht wenigstens in Ruhe lassen und mit euren merkwürdigen, unrealistischen Ideen? Quält und verwirrt uns doch nicht noch mehr, als es eh schon der Fall ist! Wir müssen uns jetzt gut aufstellen für die Zukunft, für die Zeit danach. Jetzt ist nicht die Zeit für Unruhe. Jetzt müssen wir besonders vorsichtig sein und zusammenhalten.

Und dann heißt es -  ich lese den Abschnitt des Predigttextes für den heutigen Ostermontag - Lk 24, 36-45 (LU) :

 

36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!

37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.

38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.

40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

41 Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?

42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.

43 Und er nahm's und aß vor ihnen.

44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.

45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden,

 

Lukas geht weit in seiner Schilderung von der Begegnung des Auferstandenen mit der verängstigten und verwirrten Jüngerschaft. Sehr weit. Nicht nur: „Seht meine Hände und Füße, ich bin´s.“ Nicht nur: „Fasst mich an, seht, ich bin kein Geist.“ Sondern bis hin zum Essen eines gebratenen Fischs – fast wie zum Beweis: „Seht her, ich demonstriere es euch: ich bin ganz normal, ich esse und ich lebe wie ihr.“

 

Liebe Gemeinde, wenn wir das nun genauso verstehen wollten – wortwörtlich, als nicht zu erschütternden, quasi „logischen Beweis“ – dann würden wir wohl am Sinn der Sache Gottes mit der Auferstehung vorbei gehen.

Dann würden wir eine Lebens-, Glaubens-, Erzählkultur und Denkkultur von Menschen, die in völlig anderen Verhältnissen, in einer völlig anderen Zeit und in einem völlig anderen Leben als dem unseren gelebt und geglaubt haben, sozusagen eins zu eins übertragen wollen auf unser heutiges Denken, Glauben und Leben.

Und wir würden den auferstandenen Gott festhalten wollen mit unseren Gedanken und unserem Verstehen.  

Dabei tun wir uns doch oft schon so schwer, die Menschen aus unseren eigenen Vorgängergenrationen zu verstehen. Ja, wir tun uns schwer, Menschen zu verstehen, die mit uns heute leben und uns als Gegenüber begegnen.

Wir tun gut daran, andere auch anders sein zu lassen, als wir selbst es sind. Aber dennoch: einander aufmerksam zuzuhören, voneinander zu lernen und uns zu fragen, was kann ich mitnehmen, nutzen, so dass es passt?

Was kann ich integrieren in meinem Leben, so dass beide, nicht nur ich, sondern auch mein Gegenüber etwas Gutes davon haben?

Ähnlich ist es auch mit dem Evangelium. Die Osterbotschaft ist etwas sehr Gutes. Sie will und braucht es, anders gefasst, geglaubt zu werden, als mit versucht logischem Denken und Begreifen. Davon zeugt schon das damalige Erzählen des Evangelisten Lukas.

Sie hat mit dem Leben zu tun. Mit der Botschaft, dass Gottes Liebe zum Leben, zu Gerechtigkeit, für gegenseitige Zuwendung und Hilfe, Gottes Liebe für die Menschen stärker ist als der Tod und nicht gestoppt, ausgelöscht werden kann.

Und das ist eine Botschaft der Freude, die Gestalt gewinnen möchte, in uns, mitten im jeweiligen Leben, so wie es zu uns passt und wie es uns gut tut.

Und weil das so ist, möchte ich Ihnen zum Schluss zwei Dinge mit auf den Weg geben, zum drüber Nachdenken und zum Hineinnehmen ins Leben mit Herz und Verstand.

Zum einen sind das wohlgewählte Worte des Tübinger Professors der Theologie, Eberhard Jüngel. (Sie finden sie abgedruckt im Gesangbuch, bei Nr. 104; S. 239)

 

Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt,

dann war sie damals, dann ist sie am

Ostermorgen an der Zeit: zur Begrüßung

des neuen Menschen, über den der Tod

nicht mehr herrscht. Das müsste freilich

eine Musik sein – nicht nur für Flöten

und Geigen, nicht für Trompeten, Orgel

und Kontrabass, sondern für die ganze

Schöpfung geschrieben, für jede seufzende

Kreatur, sodass alle Welt einstimmen und

Groß und Klein, und sei es unter Tränen,

wirklich jauchzen kann, ja so, dass selbst

die stummen Dinge und die groben Klötze

mitsummen und mitbrummen müssen:

Ein neuer Menschen ist da, geheimnisvoll uns

allen weit voraus, aber doch eben da.

Und zum anderen ist es ein Lied. Kein Kirchenlied. In diesem Fall kommt es aber direkt aus der Kirche, aus unserer Kirche, die viele von Ihnen in diesen Tagen ja nicht von innen sehen können  –  als ein kleiner fröhlicher Ostergruß.

 

Ich nehme sonst bewusst keine Musik in diese ins Internet gestellten Predigten mit auf. Sie sollen nur ein Zeichen und Botschaft der Verbundenheit sein für Sie als Gemeindeglieder unserer Gemeinde, weil wir derzeit keine Gottesdienste feiern können. Wer zu hause einen ganzen Gottesdienst mit Musik und Liedern miterleben möchte, findet dazu ja bei den üblichen Fernseh-, Radio- und Internetgottesdiensten der Kirchen gute Möglichkeiten. 

Aber in diesem Fall, am heutigen Ostermontag, soll es ein froher Gruß sein.

Es ist ein liebevolles, Lied.  

Zusammengefasst, dem Sinn nach, geht es darum:

 

 „Happy“,  Bukahara- mit Lib Briscoe und Manfred Bürkle

 

Du versteckst dich immer noch unten im Park

unter den Bäumen, wo dich keiner sieht.

Und du tanzt und siehst so glücklich aus, wo dich keiner sieht.

 

Deine Füße sind in Bewegung, auch wenn es kalt ist.

Wirst du noch tanzen, wenn du einmal alt bist?

 

Hab´ dich eine ganze Weile lang nicht gesehen.

Siehst immer noch glücklich aus, wenn du im Park bist.

Du streckst dich noch immer aus zum Himmel.

Und ich glaube noch immer: Eines Tages wirst du abheben und fliegen. 

 

Hör´ die Stimmen, die überall singen.

Sie singen: Liebe kommt zu denen, die Acht geben und sich mühen.

 

Und deine Füße sind in Bewegung, auch wenn es kalt ist.

Wirst du noch tanzen, wenn du einmal alt bist?

 

Wenn sie möchten, können sie diese Worte auch für sich mitnehmen in die Woche, als eine Art Gebet.

 

(Man findet das Lied mit einem sehr liebevoll gemachten Video im Internet auf You Tube:  https://www.youtube.com/watch?v=js1iDUNSMn0)

„Happy“, Bukahara - Video mit Lib Briscoe und Manfred Bürkle

„Happy“, Bukahara

Predigt zum Ostersonntag, 12.04.2020 - als Text und zum Anhören

Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. (1. Korinther 15,20-28)

 

Liebe Gemeinde! Ostern, das Fest der Auferstehung. Der Höhepunkt des christlichen Festjahres. Der Sieg des Lebens über den Tod. Das alles haben wir oft gehört, es ist alles richtig. Wie aber feiern wir in diesem Jahr, in dem der Karfreitag, der Tag des Endes, des Zweifels, ja der Tag der Verzweiflung alles zu überlagern scheint angesichts der Todesopfer der Pandemie, der Hilflosigkeit, der Ungewissheit wie es weitergeht?

Zweifel am Ostergeschehen hat es zu allen Zeiten gegeben. Die Mitglieder der Gemeinde in Korinth setzen sich damit auseinander und fragen Paulus um Rat. Der heutige Predigttext ist ein Teil seiner ausführlichen Antwort aus dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes. Selbstverständlich kann auch Paulus das Geschehen der Auferstehung nicht beschreiben. Das tut die Bibel nirgends. Entweder spricht sie von dem, was davor lag: das Abendmahl, die Zweifel im Garten Gethsemane, der Kreuzestod, die Grabesruhe. Oder sie erzählt, was danach passierte: das leere Grab, die Erscheinung des Auferstandenen. Die Auferstehung selbst, die muss man glauben, oder eben nicht. Niemand kann Beweise erbringen, niemand kann das, was geschehen ist, wissenschaftlich belegen oder erklären. Der Glaube, dem die Auferstehung vorausgeht, er ist so unverfügbar wie das Geschehen selbst. 

Der Auferstehung wohnt quasi ein Zauber inne. Etwas Wunderbares. Und das hilft uns, über das Sichtbare, das Erklärbare dieser Welt hinauszudenken. Wie Hermann Hesse schreibt: „Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Lebenshilfe soll die Auferstehung sein, dieser neue Anfang. Im Augenblick wird deutlich, wie sehr wir die brauchen. Lebenshilfe – Unterstützung beim Gedanken daran, dass das Leben unverfügbar ist, dass der Tod eine echte Größe in dieser Welt ist, die sich nicht durch Selbstoptimierung oder Verdrängung beseitigen lässt. Lebenshilfe aber auch durch die Erinnerung daran, dass das Leben eine echte Größe ist in der Welt, die sich durch den Tod nicht wegdiskutieren lässt.

Das Leben geht weiter – das ist mehr als ein vertröstender Satz. Es ist der Kern der christlichen Auferstehungshoffnung. Wenn wir in der Zeit nach Corona erwachen, wenn alles wieder seinen Gang geht, dann werden wir die Welt mit neuen Augen sehen. An Ostern rückt die Welt in ein neues Licht, wir sehen sie mit anderen Augen. Das ist zu hoffen – oder zu glauben.

Wohlgemerkt, man muss das nicht glauben. Paulus erklärt vollmundig, wie es mit Christus und Gott bestellt ist, dass er auferweckt wurde und der Tod besiegt ist usw. Er sagt damit im Prinzip auch: Ob Ihr das glaubt oder nicht, es ist passiert. In Korinth gab es Zweifler, die gibt es heute auch. Vielleicht wohnt in jeder und jedem von uns so eine fragende Instanz, eine Stimme, die sagt: Das kann doch nicht sein. Dafür muss sich niemand schämen. Wir Menschen sind darauf getrimmt, die Dinge zu hinterfragen, die wir nicht sehen und erklären können. Auch das hilft uns, zu leben, im Alltag zurechtzukommen. Die Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit nehmen wir gerade darum in Kauf, weil sich die Pandemie wissenschaftlich nachweisen lässt, weil sie kein Hirngespinst ist, sondern eine Folge biologischer Zusammenhänge.

Wir brauchen aber auch den Blick darüber hinaus. Die Pandemie wird ein Ende haben, ganz biologisch nachvollziehbar, ganz real erklärbar. Wir schauen aber bereits darüber hinaus. Wir freuen uns darauf, unsere Lieben wieder in den Arm nehmen zu dürfen. Wir sagen Oma und Opa, Freundin und Freund am Telefon: „Wenn wir uns wieder treffen, dann unternehmen wir aber mal dies und das.“

Das Leben wird auch ein Ende haben, der Tod ist biologisch erklärbar und vorhersehbar. Die Auferstehung aber lässt uns darüber hinausblicken. In die Zeit danach. So wie wir jetzt schon in die Zeit nach der Pandemie blicken können. Dieser Blick kann durchaus auch schmerzliche Züge haben. Vergessen wir diejenigen nicht, die jetzt einen lieben Menschen beweinen. Sie werden es unmittelbar spüren, dass die Zeit danach eine neue Zeit ist, in der sich viel verändert hat. Sie werden sich neu finden müssen, neu aufbauen.

Der Blick in die Zeit nach der Auferstehung war für die Jüngerinnen und Jünger nicht immer leicht. Es wird berichtet, dass die Begegnung mit dem Auferstandenen auch Furcht und Schrecken ausgelöst hat. Sie konnten es offenbar nicht glauben. Sie mussten sich im neuen Leben zuerst neu finden, neu aufbauen.

Wir müssen uns in der Zeit nach Corona neu finden und aufbauen. Es bleibt zu hoffen, dass wir das Beste daraus machen. Wir entdecken viel Gutes in und um uns in diesen Tagen. Die Geduld, die Situation auszuhalten, die guten Worte und tatkräftigen Hilfen für die betagten Mitmenschen, das Gefühl der Solidarität. All das soll uns helfen, uns danach wieder mutig und zuversichtlich auf das Leben einzulassen.

Die Jüngerinnen und Jünger haben sich neu aufgebaut und eingelassen. Sie haben den Blick geweitet. Im Licht der Auferstehung haben sie gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Als eine Welt, in der Menschen von Gott geliebt sind. Sie haben das Leben als von Gott wertgeschätzt erkannt. Das hat sie neu gefestigt, hat sie neu geöffnet für das Leben. Wenn Gott das Leben liebt, voranbringt und schützt, dann sollen auch wir alles tun, um es zu schützen und zu fördern.

Gott hat eine wunderbare Lebensfreundlichkeit offenbart. In diesem neuen Licht sollen wir uns mit dem Leben versöhnen, sollen Kraft und Mut finden. Der Blick hinter die Auferstehung, in das neue Leben, er geht immer mit Unsicherheiten einher. Beweisen kann man hier nichts. Aber die Botschaft hat eine enorme Wirkung entfaltet, weil sie dem Menschen zugewandt ist. So lebensfreundlich, so liebevoll.

Paulus riskiert noch einen Blick darüber hinaus. Er schaut sozusagen bis zum Horizont. Er denkt die Auferstehung zu Ende. Wenn Gott das Leben so zu ehren gebracht hat, dann kann es durch nichts mehr aufgehalten werden. Dann wird das Leben nicht haltmachen, bevor es die Vollkommenheit erreicht: Gott wird sein alles in allem. Die Erlösung betrifft und trifft jede und jeden. Sie betrifft jeden: Kein Mensch wird ausgeschlossen, niemand geht verloren. Sie trifft jeden: Der Blick über die Auferstehung hinaus lässt uns nicht kalt. Der Blick lässt uns diese Welt mit anderen Augen sehen. Wir können dann die Zukunft Gottes, in die wir schauen, schon in unsere Sicht der Welt hereinholen. Unseren Mitmenschen zugewandt begegnen, tröstende Worte für die Schwachen finden. Das Leben schützen und fördern. Denn Gott, der große Freund des Lebens, wird einmal sein alles in allem.

So scheint das Licht der Auferstehung in unsere Zeit. Die Zukunft Gottes hat schon begonnen.

Paulus weiß, dass die Auferstehung und der Glaube unverfügbare Güter sind. Er würde darum sicher klar, aber auch verständnisvoll sagen: Ob man das glaubt oder nicht, es ist geschehen! Amen.

                                                                                                                                      Pfarrer Jörg Boss

 

Gebet des Franz von Assisi

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

Predigt zum Karfreitag am 10.04.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

heute ist Karfreitag, ein besonders wichtiger Feiertag für uns Christinnen und Christen. Wir gedenken in den Gottesdiensten des Todes Jesu. – Normalerweise.

Denn in diesem Jahr, aus den bekannten Gründen der Gefährdung durch das Coronavirus, ist das so leider nicht möglich. 

Manche empfinden das als massive Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Freiheit, den Glauben zu praktizieren. Ich sehe es als einen sinnvollen Beitrag, eine wichtige und richtige Unterstützung der gemeinsamen Bemühungen. Sie zielen darauf, bestmöglich die Struktur der medizinischen Notfall- und Pflegeversorgung, zu schützen und zu unterstützen. Aber vor allem und nicht zuletzt: Gesundheit und Menschenleben zu schützen. Das, von besonders gefährdeten Menschen und das der Mitarbeitenden im Gesundheitssektor und in der wichtigen öffentlichen Struktur.  Darin sehe ich kein Behindern oder Unterbinden der Glaubensausübung. Vielmehr eine gute und richtige Äußerung des Glaubens im Tun und durch überzeugtes, sinnvolles Verhalten. Auch ein Beitrag, den wir als Kirche, als Gemeinde und als Einzelne leisten können und auch ein Zeugnis des Glaubens an Gott, der Leben und der Menschen liebt.

 

Wenn wir uns heute auch nicht gemeinsam im Gottesdienst versammeln können: Wir können doch nicht weniger recht und richtig, des Sterbens Jesu gedenken,

der vor 2000 Jahren unschuldig hingerichtet wurde, auf den wir unsere Hoffnung setzen, von dem wir Hoffnung zum Leben erhalten, der uns Vorbild und Quelle zum Leben ist.

 

Der Predigttext für den heutigen Karfreitag, steht in: 2.Kor. 5,14-21

(NGÜ, Neue Genfer Übersetzung:)

14 ´Bei allem` ist das, was uns antreibt, die Liebe von Christus. Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben.

15 Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist.

16 Daher beurteilen wir jetzt niemand mehr nach rein menschlichen Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun wir das nicht mehr. 

17 Vielmehr ´wissen wir`: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!

18 Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen.

19 Ja, in ´der Person von` Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu verkünden.

20 Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns ´zur Umkehr` ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! 

21 Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Zwei Bilder, die man sich gut vorstellen kann, kommen mir in den Sinn: Zwei verschiedene Darstellungen der Kreuzigung.

Das eine:

Eine Darstellung, wie sie vielleicht von einem Maler aus früheren Jahrhunderten stammen könnte. Sie zeigt den sterbenden Jesus am Kreuz. Einen leidenden Menschen. Und doch, erkennbar deutlich, der Hinweis: Es ist der sterbende Christus. Der Herrscher der Welt. Der Gottessohn, der der Welt Sünde am Kreuz trägt. Die Augen sehen in die Ferne, gequält, leidend. Jedoch sie blicken nicht ins Leere. Sie sind nach oben gerichtet, zum Himmel. Gleichzeitig strahlen diese Augen eine unendliche Güte aus. In Gedanken hört man den Christus sagen: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Dieser Christus am Kreuz behält trotz allen Leidens und Sterbens doch seine Würde. Man spürt: Der hier am Kreuz stirbt, das ist kein normaler Mensch. Er hat etwas Besonderes an, oder besser: in sich.

Als Betrachter des Bildes versteht nur allzu gut, was damals der römische Hauptmann empfunden haben musste, als er bezeugte: Dieser Mensch ist wahrlich Gottes Sohn gewesen.

Das andere Bild

ist eine figürliche Darstellung, eine Skulptur. Auch sie zeigt den Christus am Kreuz. Aber dieser Christus ist nicht schön. Langgestreckt und ausgemergelt hängt der Körper des Mannes am Galgen. Deformiert bis ins Unnatürliche. Der Kopf kippt leblos herab auf die überdehnte Brust. Die Finger an den Händen sind verkrampft und gespreizt als suchten sie nach Halt, nach Hilfe.

 

Dieser Christus hat nichts göttlich Herrliches an sich. Nichts von der göttlichen Würde. Nichts von einer göttlichen Kraft ist dem geschundenen Körper abzuspüren, der da sein Leben aushaucht. 

Er liegt mir aber näher – ich denke, diese Darstellung trifft das Geschehen wohl besser.

Beim zweiten Bild ist mir eine ganz bestimmte Skulptur vor Augen. Sie steht in einer kleinen Kapelle und es wurde mir erzählt, dass diese Skulptur sehr umstritten war, als sie aufgestellt wurde.

Solch ein Kruzifix sollte nicht in die Kapelle! Etwas, das nur Hässlichkeit ausstrahlt, sollte nicht in die Schönheit des sakralen Raumes, denn das Ding durchbricht die ganze Harmonie, zerstört die Ruhe und feierliche Besinnlichkeit der Kapelle! Nein, so einen Christus wollte man nicht.

 

Warum ist die Skulptur so unangenehm?

Vielleicht, weil der Gott, der da am Kreuz hängt, nicht schön, nicht erhaben, nicht stark und allmächtig ist…

 

Und: Ist es nicht so, dass wir uns eben danach oft sehnen - und auch nicht ohne Grund - dass wenigstens Gott gut und schön sein möge?

Wenigstens hier in der Kapelle, wenigstens hier in der Kirche, im religiösen, heiligen Raum soll es schön sein - wenn schon in der Welt draußen oft so wenig übrig bleibt, was schön ist und Anlass zur Freude und zum froh Sein gibt. Wenigstens hier in der Kirche soll Ordnung sein, wenn draußen so viel Unruhe und Unordnung herrscht. Wenigstens hier soll Friede sein, wenn draußen so viel Unfriede ist.

Es soll uns doch wenigstens hier in der Kirche, ein Platz bleiben, wo wir Abstand gewinnen können vom Alltäglichen. Wo wir einen geschützten Raum zum Rückzug haben.   -   Manchmal auch vor uns selbst.

 

In einem Kruzifix, wie dem beschriebenen, wo ein hässlicher, leidender Christus zu sehen ist, scheint nicht der starke und nicht der schützende Gott zu sein, den wir oft suchen. Kein Gott, der sich zeigen könnte wie ein Vater, der mit starker Hand beschützt und führt. Und kein Gott, wie eine Mutter, die einen in die Arme nimmt und tröstet: Ruhig, es wird alles gut werden. Vielmehr scheint an diesem Kreuz das Spiegelbild des ganzen Leids der Menschheit zu hängen.

 

Was wir an Karfreitag bedenken, ist aber: gerade das.

Der Christus am Kreuz kann nicht schön und stark sein. Denn Gott ging am Kreuz durch allertiefste Tiefe - das ist das Geheimnis des leidenden, sterbenden Christus. Gott stirbt als Mensch am Kreuz, von Menschen hingerichtet.

 

„Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht.“

 

Es war Gottes Wille, dass alle Not, alles Leid und alles Böse in diesem Christus am Kreuz stirbt. Es war Gottes Wille, damit nach Karfreitag keine Not, kein Leid, keine Schuld und keine Angst mehr trennen könnte von Gott.

Nach Karfreitag gibt es keinen Ort, nichts mehr, an dem Gott nicht schon war. Und keinen Ort, an dem uns Gott nicht umschließen könnte und wollte mit seiner Liebe – selbst wenn wir sie nicht spüren: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

Gott hat es zugelassen, auch damit die Welt nicht an ihrer Unversöhnlichkeit zugrunde geht. Um uns mit sich zu versöhnen.

Unversöhnliche Menschen sind sich selbst nicht gut. Und eine Welt, die sich mit Gott nicht versöhnen lässt, ist sich selbst nicht gut.

Damit das nicht geschieht, gibt es das Kreuz des Jesus von Nazareth.

 

Karfreitag bedeutet: Gott trägt uns und erträgt uns - egal in welcher Situation von Leben.

 

-  Gott tut es, damit wir nicht brechen müssen, und selbst wenn es geschieht: nicht gebrochen bleiben müssen. 

-  Nicht einmal im Tod, dem Tod ausgeliefert bleiben.

-  Gott tut es, damit wir aufhören, Leid und Schmerz zu produzieren.

-  Gott tut es, damit wir anfangen, Wunden zu heilen, Leben zu stärken.

 

Denn so unversöhnlich wie manche mit anderen sind, so unversöhnlich sind manche Menschen auch mit sich selbst.

Aber beides schafft Not, beides schafft Unruhe, schafft schlaflose Nächte und auch Krankheit.

Seit Karfreitag aber gilt: Gott will unsere Schritte und Wege mitgehen. Und Gott wird, wo nötig, immer wieder einen Neuanfang ermöglichen. Es muss keine Sackgasse mehr geben.

 

Das gilt auch – Gott sei Dank – mitten in und nach der Coronakrise.  

 

Fürbittgebet  

Gott, an diesem heutigen, besonderen Karfreitag, bitten wir besonders für Menschen,

die sich in dieser Zeit einsetzen mit ihrer Kraft und ihrer Liebe im Kampf für das Leben,

die sich gegen Krankheit und Tod stellen

und für alle, die in besonderer Weise für andere da sind,

für Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Therapeuten und Menschen in der Seelsorge,

dass sie trotz aller Belastung und Anstrengung bewahrt bleiben

und immer wieder neu gestärkt werden für ihr Tun.

Wir bitten für die Verantwortlichen in Wissenschaft, Politik und Verwaltungen,

dass ihre Arbeit der Not und dem Unrecht wehrt,

der Verständigung dient und den Frieden fördert.

Wir bitten für Forscher und Wissenschaftlerinnen,

dass ihre Entdeckungen und Erfindungen mehr nützen als schaden.

Wir bitten für alle Menschen, die in Bedrängnis und Not sind,

durch Krankheit, durch Unfall, durch Ungerechtigkeit, Krieg und Verlust der Heimat,

dass ihre Schmerzen erträglich bleiben und ihre Verzweiflung begrenzt wird,

dass Heil wächst.

Wir bitten für die, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben,

für die, die um einen Menschen trauern müssen, für uns alle, wenn wir Angst haben vor dem Ende,

dass wir den Tod als einen Teil unseres Lebens begreifen und unser Sterben als einen Schritt zu dir, Gott.

Wir bitten um deinen Frieden, dass du ihn schenkst und dass wir ihn finden und stärken,

dass dein Name und deine Lebendigkeit Gestalt gewinnt auch in und durch uns. Amen.

Predigt zum Gründonnerstag am 09.04.2020 - als Text und zum Anhören

Predigt zum Gründonnerstag, 09.04.2020

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Johannes 13,34f.)

Liebe Gemeinde! Wir können uns am Gründonnerstag dieses Jahres nicht versammeln, um das Abendmahl zu feiern. Das ist schmerzlich, denn diese Feier ist ansonsten ein Höhepunkt der österlichen Festzeit. Normalerweise teilen wir die Gaben, um unsere tiefe Verbundenheit mit Jesus Christus und als Gemeinschaft untereinander zum Ausdruck zu bringen. Normalerweise gehört das dazu. Aber Normalität ist gerade nicht.  Normalerweise würden die Enkel voller Freude auf den Besuch von Oma und Opa warten, die sicher ein Geschenk im Gepäck hätten. Normalerweise würde die Großfamilie am Tisch sitzen, lachen, dann gemeinsam raus zum Spaziergang, Menschen begegnen, herzlich umarmen. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“, so heißt es in Goethes Osterspaziergang.

Es kann schmerzen, es kann traurig machen, dass wir ein wesentliches Merkmal des Menschseins gerade nicht erleben dürfen, die Gemeinschaft. Ich meine die reale Gemeinschaft, das Lachen des anderen zu sehen, gemeinsam zu essen, die Wärme des anderen zu spüren, wenn er uns in den Arm nimmt. Ein Gespräch am Telefon, eine Liveschalte im Internet, all das ist richtig und gut, es kann aber die Umarmung nicht ersetzen.

Auch das Abendmahl, die Eucharistie, fehlt vielen als ein Zeichen der Gemeinschaft und der Hoffnung. Das spürbare Erleben im gemeinsamen Essen am Tisch des Herrn.

Im Johannesevangelium feiert Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern kein Abendmahl. Er tut einen anderen Liebesdienst, er wäscht ihnen die Füße. Die beiden Verse, die über dieser Predigt stehen, finden sich in diesem Zusammenhang.

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Das ist Jesu Wunsch, mehr noch, seine Weisung an die Jüngerinnen und Jünger zum Abschied. Wir vermissen das Abendmahl zurecht, aber bei Johannes ist es nicht notwendig, um mit Jesus Christus verbunden zu sein.

Maßstab der Verbundenheit ist allein die Liebe. Und diese Liebe hört bekanntlich nimmer auf, wie es Paulus in 1. Korinther 13 schreibt. Diese Liebe haben wir erfahren, nicht erst am Gründonnerstag, sondern jeden Tag im Leben Jesu. Gott liebt uns, darum kann uns nichts und niemand von ihm trennen. Für Gott eine Selbstverständlichkeit. Daran dürfen wir uns erinnern, daran dürfen wir uns halten.

Liebe zu den Mitmenschen bedeutet jetzt, sie auch zu schützen. Gerade auch mit dem Blick über die Familie hinaus. Wir sind vernetzt und jeder hat über Beziehungen Kontakte zu Menschen, die jetzt besonderen Schutz brauchen. Die räumliche Trennung ist schmerzhaft, aber sie bewahrt auch vor anderem Schmerz.

Von Gottes Liebe kann uns nichts und niemand trennen, das soll uns Ruhe und Gelassenheit in verstörender Zeit geben. Er bleibt uns verbunden. Gerade auch in dieser Zeit. So sollen wir Frieden spüren!

Weil unsere Liebe ein Spiegel der Gottesliebe ist, gilt auch: 

Nichts und niemand kann uns von unseren Lieben trennen. Wenn wir unsere Kinder, Enkel und Freunde liebhaben, dann bleiben wir ihnen verbunden. Sagen wir es ihnen ruhig bewusst an diesen Tagen!

Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Amen.                                                                                

                                                                                  

 

Gebet

Guter Gott!

Die Situation, in der wir sind, verstört.

Gerne würden wir Zusammensein, als Familie, als Gemeinde.

Wir bitten Dich um Geduld, Kraft und Gelassenheit, auszuhalten.

Wir bitten Dich, dass wir Liebe spüren dürfen, die Deine und die der uns verbundenen Mitmenschen.

Gib uns gute Worte des Trostes, der Liebe und der Verbundenheit für den anderen.

Guter Gott!

Wir bitten Dich insbesondere auch für alle, die gerade ihren Dienst tun in den Krankenhäusern, in den Beratungsstellen und überall, wo sie gebraucht werden. Sei Du bei ihnen und lasse sie Respekt und Anerkennung erleben. Dass sie angstfrei und im Bewusstsein, das Richtige zu tun, ihre Arbeit verrichten können.

Guter Gott!

Sei bei denen, die Angst haben um einen lieben Verwandten oder Freund, der krank oder einsam ist. Gib ihnen gute Worte und schaffe tröstende Verbundenheit.

Guter Gott!

Für alle, die einen lieben Menschen beweinen, bitten wir Dich um Beistand. Dass sie mit Menschen sprechen können, die sie aufbauen. Lasse sie Deine Liebe spüren.

Guter Gott!

Zeige uns, wo wir helfen können und lass uns das Richtige tun, damit alle gut durch diese Zeit kommen.

Du hast versprochen, bei uns zu sein. Wo Liebe ist, da bist Du. Lass uns Liebe üben in diesen Tagen. Amen.                                                   

 

                                                                                                                                                                                             Pfarrer Jörg Boss

Predigt zum Palmsonntag am 05.04.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

ich habe nachgedacht, ob ich ein Bild finden könnte aus der Gegenwart, eine ähnlich grotske Situation für das, was uns im Predigttext für den Gottesdienst am heutigen Palmsonntag begegnet. Und auch, wenn es vielleicht nicht ganz passt: Stellen sie sich einmal vor, in diesen Tagen, wo man wegen des Gebunden seins in und an die eigenen Vier Wände vielleicht anders durch das Fenster nach draußen blickt, vielleicht manches auch noch einmal bewusster wahrnimmt, vielleicht auch die Chance und die Herausforderung hat, zugleich nach innen, auf sich selbst und sein Leben zu blicken…  stellen sie sich einmal vor, wie das wäre, wenn ihr Nachbar plötzlich eine Lieferung bekäme: mit einem riesigen Lastwagen direkt vor der Türe abgeladen, ganz persönlich und nur für ihren Nachbarn, ungefragt bestellt und geliefert von einem Spender, der vielleicht sogar bekannt ist, aber nicht gerade zu den besten Kreisen der Gesellschaft gezählt wird…

Die Lieferung ? Es ist Klopapier! Klopapier, Reis und Nudeln! Ganz allein für ihren Nachbarn! In diesen Zeiten, wo andere vor leeren Regalen stehen…

Wie würden Sie reagieren ? 

-   Der Predigttext ?   Er steht im Markusevanglium: (Mk 14,3-9)

 

Die Salbung in Betanien

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie  getan hat.

Was das wohl für eine Situation war im Haus des Simon, des Aussätzigen?

 

Eine irritierende.

Eine hoch verschwenderische Aktion

Und dazuhin etwas, das sich vermutlich auch nicht gerade ziemte – ein ungehöriges Verhalten der Frau.

„Was soll das?“  „Was soll diese Vergeudung des kostbaren Salböls?“ So haben einige Leute im Haus des Simon verärgert gefragt.

Und in der Tat: Wenn man sich einmal die Verhältnisse vor Augen hält, kann einem schon der Gedanke an Verschwendung kommen:

Das Nardenöl, von dem hier die Rede ist, ist ein Aromaöl, das aus der Wurzel und den unteren Stengelteilen einer Pflanze hergestellt wird, die heute in etwa drei bis über fünftausend Metern Höhe im Himalayagebirge wächst.

Als Handelsartikel war Narde bereits zu den Zeiten des Königs Salomo bekannt – und offenbar auch sehr kostbar. (Ob damals, zu Zeiten von Jesus, auch der weite Handelsweg vom Gebiet Indien/Pakistan nach Palästina im Hintergrund stand, oder ob ein Anbau anderswo bekannt und möglich war, entzieht sich meiner Kenntnis.)

Auf dreihundert Silbergroschen schätzten die verärgerten Leute in der Erzählung von der Salbung Jesu in Bethanien den Wert des Öles. Das wäre dann ungefähr so viel ein Jahreslohn eines Arbeiters. Da kann man schon ins Fragen kommen -  was ist sinnvoll und was ist verschwenderisch, übertrieben ungehörig?

„Hätte man das Öl nicht verkaufen und den Gegenwert an die Armen und Bettler verteilen können?  Das hätte für die ganze Gegend ausgereicht!“

 

Die Frage, ob man eher den Armen etwas geben, oder sich etwas sehr Luxuriöses gönnen solle, das war für Jesus und seine Jünger normalerweise wahrscheinlich ziemlich schnell und eindeutig zu beantworten.

Aber nach dieser Erzählung lässt Jesus es zu, dass die Frau ihn verschwenderisch mit luxuriös teurem Öl salbt  -

Warum? Was soll das?  -  Die Frage kann man vielleicht auch als eine Anklage an Jesus selbst verstehen:  Warum stellst du hier nicht klar, was nötig ist. Oder was richtig wäre ?

Im Untergrund der Frage steht:  Warum weißt du die Frau nicht zurecht?

Und hinter der Empörung steckt vielleicht auch noch etwas ganz anderes.

 

Zur Zeit Jesu im Orient, in einem Klima, das die Haut austrocknet und verbrennt, gehörten Salben und Öle wahrscheinlich zum täglichen Gebrauch.

Den Gästen wurde Wasser gereicht, um sich Hände und Füße vom Staub und Dreck zu waschen und um sich zu erfrischen. Und als Zeichen besonderer Gastfreundschaft gab es auch wohlriechendes Öl.

 

Auch Kranke wurden gesalbt, um Schmerzen zu lindern, und Tote, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Wir heute kennen im Bereich der Katholischen Kirche

auch die letzte Ölung als Sakrament an Sterbenden.

 

Die Frau schenkt Jesus also ein Zeichen ganz besonderer Aufmerksamkeit und Nähe. Sie, die Frau, eine unbekannte, namenlose Frau, ist Jesus, dem Mann, nahegetreten –  vielleicht zu nahe -  getreten.

Zwar nicht auf der Straße sondern in einem Privathaus, aber doch in der Öffentlichkeit eines gemeinsamen Males.

Man kann annehmen, dass dies in der damaligen jüdischen Gesellschaft nicht gerade normal und möglicherweise auch nicht so einfach akzeptiert war.

Wahrscheinlich waren die andern durch diese Zuwendung der Frau zu Jesus unangenehm berührt.

 

Pikanterweise ist dann aus der im Markusevangelium noch namenlosen Frau

im später entstandenen Lukasevangelium (Kap. 7) auch eine „stadtbekannte Sünderin“ geworden.  ( Und spannenderweise:  bei Johannes, dem jüngsten der Evangelien - also demjenigen, das am spätesten geschriebenen wurde -  ist diese liebevolle Tat dann wiederum  Maria zugeschrieben worden, der Schwester von Marta und von Lazarus, die alle drei offenbar enge Freunde von Jesus waren. )

 

 

Wie dem auch sei.

Jesus lässt es zu, dass er gesalbt wird und distanziert sich nicht von der Frau.

Im Gegenteil, er sagt: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.

 

Die Frau, wenige Kilometer vor Jerusalem im Dorf Bethanien, hat wohl etwas erkannt, was den Jüngern verborgen blieb und was ihnen widerstrebte:

Nicht nur der Einzug Jesu in Jerusalem    den wir heute am Palmsonntag ja bedenken und wo Jesus von den Menschen des Volkes (zunächst noch)  empfangen und gefeiert wurde wie ein König    stand kurz bevor, sondern eben auch sein Verraten werden, sein Leiden und sein Sterben standen ihm bevor. Sie, die Frau,  hatte dafür wohl ein feines Gespür und wandte sich ihm ganz liebevoll zu.

 

Seinen Jüngern hatte Jesus schon dreimal davon erzählt. Aber sie wollten, oder: konnten es nicht begreifen, nicht verstehen.

Sie waren so sehr beschäftigt mit der Erwartung und eines großen Volksanführers eines Königs, mit der Hoffnung auf den Messias, dass sie die Hinweise auf sein Leiden und Sterben gar nicht sehen, nicht verstehen konnten und wollten.

Da spricht Jesus mit seinen Vertrauten, seinen Freunden, seinen Jüngern und erzählt ihnen von seiner innersten Not - davon, dass er in Jerusalem gefangen, gefoltert, verurteilt und getötet werden wird    -   und was ist die Reaktion der Jünger?

Das ist schon enttäuschend !  Aber halt auch ehrlich und von der Bibel offen erzählt: schon auch menschlich. 

Bei der Schilderung der dritten Leidensankündigung etwa (Mk. 10), kommen die beiden Söhne des Zebedäus Jakobus und Johannes -  im Verlauf der Komposition des Evangeliums unmittelbar danach - zu Jesus mit der Bitte: Wir wollen in deinem Reich in deiner Herrlichkeit, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken.

Die beiden haben das mit dem Leiden und Sterben überhaupt nicht gehört, nicht verstanden, nicht kapiert. Die Krise ist in ihrer Bedeutung bei ihnen nicht durchgesickert…

Die denken an ein irdisches Königreich, das der Messias-König errichten wird, darauf hoffen sie. Und da wären sie gerne mit dabei – am besten, ganz nah am Zentrum des Glanzes und der Macht. 

Ganz anders dagegen die Frau im Haus von Simon, dem Aussätzigen  -  alleine das, dieses unmittelbare Nebeneinanderstehen der Erwähnung des Aussätzigen

und der Jünger mit ihren Hoffnungen auf Macht und Glanz in ihren Köpfen, alleine das ist ja schon eine hochspannungsreiche Ironie in der Erzählkomposition  - 

die Frau hat im Gegensatz zu den Männern, den Jüngern erkannt und sie hat sich Jesus mit Liebe zugewandt, wollte ihm etwas Gutes tun, ihn stärken, ihm Zuwendung und Nähe, Kraft geben.  -  „Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“

 

Aber eigentlich - und das ist der Gipfel in der Erzählung des Markus - eigentlich geschieht hier noch etwas ganz anderes: Nämlich in den symbolischen Elementen, die auftauchen, eigentlich  die Salbung Jesu zum König des Volkes Gottes.

Lassen sie mich das kurz erzählen. Drei Elemente gehören in der Tradition des Volkes Jesu normalerweise zur Einsetzung eines Königs:

- Die Salbung,

- die Ausrufung des Königs

- und die Bestätigung durch das Volk.

 

Die Frau in Betanien gießt das hochwertvolle Nardenöl über den Kopf von Jesus aus, so wie einst der Prophet Samuel den Saul und den David zu Königen des Volkes gesalbt hat.

Die Ausrufung Jesu zum König erfolgt in der Erzählstruktur des Markusevangeliums durch das Bekenntnis des Petrus in Kapitel 8 (V. 29): Du bist der Messias, der Christus ( das heißt: der Gesalbte )

und schließlich die Akklamation, die Bestätigung, erfolgt dann unmittelbar nach seinem Tod am Kreuz durch einen Vertreter der ganzen Welt:  Durch den  Hauptmann aus dem Heer der römischen Weltmacht,  der angesichts des Gehängten  am Kreuz sagt:  Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

 

So erleben wir hier also eigentlich, im tieferen Sinn der Schilderung des Evangeliums, die Salbung von Jesus zum wahren König der Welt.

Doch dieser König ist ein ganz anderer König.

Dieser König ist auf dem Weg zu seiner Hingabe, seinem Leiden und seinem Tod. 

Auf dem Weg zum Leiden an und unter seinem Volk, das ihn zuerst als König feiert und kurz danach verdammt und ausstößt.

Auf dem Weg zum Leiden und Sterben unter der Macht der Anführer, die um ihre Bedeutung, ihre Macht bangen und unter der Macht des römischen Weltreiches. 

Er ist auf dem Weg zu seiner Selbsthingabe für sein Volk,

für diese so herrlich unvollkommenen, aber auch tief schuldigen Menschen,

für diese alle, die ganze Menschheit….

Er gibt sich ganz und gar, damit wir Menschen ganz und gar leben können.    

-   Eigentlich: Macht er uns zu Königinnen und Königen.

 

 

- Fürbittgebet

Jesus Christus, du kamst in die Welt, in unser Leben,

ein König, mit versöhnender Geste und Kraft.

Du kamst, um uns zu gewinnen, nicht zu erobern und zu unterdrücken.

Gib uns Hoffnung, in dieser hoffnungshungrigen Zeit,

Wir beten und hoffen für die Menschen der Welt – besonders in der gegenwärtigen Krise:

Die Kranken und die Leidenden und Sterbenden,

die, welche sich sorgen oder die trauern um ihre Liebsten,

die, die sich einsetzen zur Begleitung und Pflege der Kranken und Notleidenden

und zur Hilfe und Begleitung derer, die auf Hilfe angewiesen sind,

die einsam sind und isoliert, die gebunden sind oder krank,

die jetzt betroffen sind von besonderen und bedrängenden Sorgen und Nöten.

Wir bitten für die, die Verantwortung tragen in den Planungs- und Organisationszentren der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft,

und für alle, die unter Anspannung und Belastung stehen, die sich sehnen nach Heilung und Hoffnung.

Befreie die Menschen der Welt von Krankheit an Leib und Seele,

vor falschen Hoffnungen auf falsche Herrschaft und verkehrte Macht

und schaffe Frieden in den Herzen und im Leben der Menschen.

Gib uns Augen, die sehen, Ohren die hören und ein Herz, das versteht

Gib uns Seelen, die vertrauen und Hände, die helfen wo sie helfen können.

 

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib‘ uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Predigt zum Sonntag Judica am 29.03.2020 - als Text und zum Anhören

Liebe Gemeinde,

am Freitag in einer Woche ist Karfreitag, der Höhepunkt der Passionszeit. Und diese steuert damit nicht nur auf ihren Höhepunkt, sondern zugleich auch auf ihr Ende zu: den Ostermorgen.

In diesem Jahr sind diese Wochen für uns noch einmal neu und erschreckend anders verbunden mit Leid und Passionsgedanken. Die Corona-Krise hat unser aller Leben fest im Griff und nach dem, was wir wissen können, ist sie noch nicht einmal an ihrem Höhepunkt angekommen. Sie wird unser Leben weiterhin begleiten und beeinflussen.

Wird der Inhalt der Osterbotschaft, die der Passion ihr Ende setzt, das auch tun können – unser Leben begleiten und beeinflussen, mit der Botschaft vom Leben stärken?


Im Predigttext für den heutigen Sonntag Judika, aus Hebräer 13, 12-14, heißt es:

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Vielleicht ist es hilfreich, wenn wir uns zu diesen kurzen Zeilen zunächst die historische Situation vieler Christen zurzeit, als der Hebräer­brief geschrieben wurde, vergegenwärtigen:

Damals, gegen Ende des 1. Jahrhunderts, lösten sich die christlichen Gemeinden von ihrer »Wurzel«, dem Judentum. Einerseits wurden sie aus dem Gottesdienst der Synagoge ausgeschlossen, weil sie grundlegende Glaubensinhalte und Überzeugungen des Judentums verließen. Etwa die Beachtung der Gebote aus der Tora als Weg zum Heil, die Beschneidung als verbindliche Vorgabe für alle männlichen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft, die Bedeutung des Bundes Gottes mit Israel als auserwähltes Volk. Die Christen andererseits begannen, das Evangelium vom Auferstanden Herrn in die Welt zu tragen, auch zu den sogenannten „Heiden“ und sie nahmen diese als vollgültige Mitglieder in die Gemeinde auf. Sie distanzierten sich auch ihrerseits von der Synagogengemeinschaft und verstanden sich als das eigentliche, neue „Volk Israel“.

 

Aber diese Trennung bedeutete auch Entwurzelung und Verunsicherung. Und das  -  kann Angst machen.

 

Diese Angst hat der Hebräerbrief mit seinem Aufruf wohl im Blick. Die Christen sollten ermutigt werden und sollten gewonnen werden für den Weg, der für sie Auszug aus dem Lager des Judentums bedeutete und Verunsicherung mit sich brachte.

Der Hinweis auf Jesus als den „wahren Hohe­priester“, der Erlö­sung erworben hat mit dem Opfer seines Lebens, ist vor diesem Hintergrund auch Hinweis darauf, dass er Verunsicherung, Angst und Einsamkeit, ja bereits erlebt und durchlebt hat und ( - Erlösung für sie! - ) diesen Schritt schon gegangen ist.  

Wenn die Christen sich in ihrer Situation verunsichert und verängstigt finden, dann -  so der Verfasser des Hebräerbriefs  -  ist dies etwas, das Jesus selbst zutiefst kennt, etwas das Gott selbst auch kennt. Wenn sie ausgestoßen werden, wenn die bisherigen Rahmenbedingungen ihres Lebens nicht mehr gelten, wenn sie neue Wege gehen und suchen müssen, so ist es zugleich aber auch etwas, wo er als der Hohepriester sie im Geist begleitet und wo er, der Hohepriester sie nicht alleine und nicht im Stich lässt...

 

Heute, zweitausend Jahre später und in Zeiten der Coronakrise, können wir fragen: Was hat das mit uns zu tun? Wird auch von uns ein „Hinausgehen aus dem Lager“ verlangt? Und welches Lager?  

 

Ich will einmal einen – mag sein, vielleicht auch etwas provozierenden - Gedankenfaden spinnen.

 

Wenn schon die Finanzkrise der Jahre 2008 und danach uns nicht aus dem Lager der Gewohnheiten und Überzeugungen gebracht hat. - Manche Finanz und Wirtschaftsfachleute sagen im Rückblick: Wir haben, genau besehen, nichts dazu gelernt. Unser Handel und Wandel geht, durch ein paar versuchte Lenkungs- und Sicherungsmaßnahmen flankiert vielleicht, im Grunde doch weiter wie eh und jeh.

Und wenn uns auch die weltweite Flüchtlingskrise - selbstkritisch betrachtet - nicht aus dem Lager eines (im wohlhabenden Teil der Welt) äußerlich relativ abgesicherten, anscheinend friedlichen Lebens herausgebracht hat. -  Die Lagergrenzen werden nach wie vor mit einiger Anstrengung gesichert. Aber die Bemühungen, Gründe und Ursachen für Flucht, Vertreibung und Migration zu bekämpfen, verlaufen ohne wirklichen Erfolg, ohne die nötigen tiefgreifenden Veränderungen, werden torpediert, untergraben oder ganz vergessen…

Wenn wir also bisher noch immer einigermaßen ruhig - vielleicht auch bequem - leben konnten und uns einigermaßen gut aufgehoben wähnen konnten  -  die Corona-Krise scheint uns aus dem vertrauten Lager schlicht ´hinauszuwerfen´. Es geht uns, wie den jungen Vögeln im Frühjahr, die aus dem Nest getrieben und hinausgedrängt werden.

Wie werden wir den notwendigen Flügelschlag schaffen? Wie werden wir es schaffen, zu fliegen?

 

Mag sein, dass uns solche Gedanken nicht neu oder fremd sind. Es ist verständlich, wenn wir dieser Tage aber besonders unsicher sind. Wenn wir Ängste haben. Ich jedenfalls könnte es nicht einfach abstreiten. Und auch nicht abstreifen.

Manche reden angesichts der Coronakrise bereits von einem epochalen Wandel für Gesellschaft und Wirtschaft, für das Zusammenleben, auch für die Kirchen und ihre Arbeit, ihre Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit).

Auch wenn es mir für solche „großen Analysen“ noch reichlich früh zu sein scheint, der viel gehörte, häufig zitierte letzte Satz des Predigtabschnitts bekommt einmal mehr herausfordernde Bedeutsamkeit: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Er enthält aber auch Trost.

Ich glaube nicht, dass es darum ginge, uns vom Leben und auch nicht von dieser Welt innerlich zu distanzieren und gewissermaßen uns schon zu verabschieden (und sei es mit noch so frommer Glaubensüberzeugung). Sie ist Geschenk und unser Leben ist Geschenk – ein unschätzbares, das wird uns dieser Tage neu bewusst. Wir dürfen sie lieben und dürfen uns daran freuen, dankbar das Leben schätzen und es genießen.

Ich glaube auch nicht, dass es darum ginge, Ängste und Verunsicherung einfach zur Seite zu drängen, nicht wahrhaben zu wollen oder zu sollen.

Ich vertraue darauf und glaube daran, dass Gott größte Freude und Erfüllung kennt und liebt; dass Gott aber auch die tiefste Bedeutung von „Passion“ ausgelotet hat. Dass Gott um jedes einzelne Leben weiß, alle Unsicherheiten und Ängste kennt, alle Brüchigkeit versteht und auch alles Versagen (und Verzagen!). Und dass Gott es trägt. Dass Gott uns trägt. Gott geht mit auf den Wegen des Lebens, die wir suchen und bauen für das Leben. Gott schenkt Zukunft.

Dies entledigt uns aber nicht der Wachsamkeit und des Sorgens, der Anstrengung und jeder Mühe um das Leben.

Und wenn es uns gelingt, so zu leben, wie es dem Leben als Jünger und Jüngerinnen des Gottessohnes Jesus entspricht, mit Liebe, Anteilnahme, Verantwortung und Gottvertrauen (dem tiefem Vertrauen in uns, dass Gott uns hält - nicht, dass wir Gott in uns halten müssten),

dann wird zwar manches Leid der Welt und im Leben auch nicht ausbleiben,

aber dann ist Christus nicht ver­geblich gestorben und auferstanden. Nicht weil wir es schaffen könnten und müssen, sondern weil Gott in uns es kann.

Ich freue mich darauf, wenn wir in Zukunft wieder im Gottesdienst in unserer Kirche zusammen sein und miteinander beten, feiern, singen können – z.B. diese Verse:

 

Du bist der Atem der Ewigkeit,

du bist der Weg in die neue Zeit.

Du bist das Leben, Gott.

 

Du bis die Hand, die uns schützend nimmt,

du bist das Korn, das dem Tod entspringt.

Du bist das Leben, Gott.

 

Du bist das Kreuz, das die Welt erlöst,

du bist der Halt, der uns Mut einflößt.

Du bist das Leben, Gott.

 

Du bist das Wort, das uns Antwort gibt,

du bist ein Gott, der uns Menschen liebt.

Du bist das Leben, Gott.

 

(aus: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 23 - Text: Thomas Laubach)

 

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib‘ uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Predigt zum Sonntag Laetare am 22.03.2020 - als Text und zum Anhören

Predigt zum Sonntag Lätare, 22.03.2020

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Jesaja 66,10-14

 

Liebe Besucherinnen und Besucher!

Laetare – Freue Dich. So heißt dieser Sonntag. Als eine kleine Insel der Freude soll er mitten in der Passionszeit stehen. Jetzt steht er in diesem Jahr mitten in einer verstörenden Zeit. Das öffentliche Leben wird eingeschränkt, persönliche Kontakte sollen vermieden werden. Ein Ende ist noch lange nicht absehbar. Wir wissen, dass die Maßnahmen notwendig sind. Die Schwachen und Kranken brauchen Schutz. Zugleich kann die Situation traurig machen, ängstlich oder wütend. Wir bekommen die Unsicherheit, die Ohnmacht des Lebens vor Augen geführt, die uns in unserer vom Wohlstand verwöhnten Gesellschaft ansonsten vom Leib gehalten wird. Aber die sie ist Realität. Niemand weiß, was Morgen sein wird. Die Erfahrung von Unsicherheit und Ohnmacht des menschlichen Lebens ist so alt wie der Mensch selbst. Die Menschen, an die sich unser Predigttext aus dem Buch Jesaja ursprünglich richtete, sie haben diese Erfahrung gemacht: Spielball der sie umgebenden Weltmächte zu sein, vertrieben zu werden, ohnmächtig zu sein. Jetzt aber hören sie Worte, die sie trösten sollen, weil in diesen Worten der Trost Gottes angekündigt wird. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

Damals wie heute solidarisieren sich die Menschen, die Verstörendes erleben. Wir sind verantwortliche Wesen, ausgestattet mit Verstand und Mitgefühl.  Wir können unsere lieben Verwandten und Freunde gerade nicht besuchen, weil wir sie und andere schützen müssen. Wir können aber die Großeltern anrufen, mit den Freunden chatten. Vielleicht entdeckt sogar der eine oder andere wieder die alte, ruhige Kunst des Briefeschreibens neu. Dem anderen Trost spenden, aus der Ferne. Trost ankündigen: „Wenn wir erst wieder beieinander sind…“

Freilich, Trost geht auch einher mit Trotz. Wir bieten den Widrigkeiten die Stirn. Wir zeigen unsere Stärke. So leicht sind wir nicht kleinzukriegen. Es ist wichtig, Kraftquellen zu haben, damit wir verstörende Zeiten durchstehen. Solidarität braucht Kraft und Ausdauer. Ja, sie braucht Fröhlichkeit. Laetare, freue dich. So entfaltet sie ihre Wirksamkeit. Denn Solidarität vertröstet nicht. Sie spricht an!

Die Mutter vertröstet ihr Kind nicht. Sie spendet Trost, sie baut das Kind auf. Die Mutter braucht Kraft und Ausdauer, damit sie ihrem Kind Kraft spenden kann. Sie nimmt es auf den Arm. Sie singt die vertrauten Lieder und spricht die liebevollen Worte, die das verstörte Kind zur Ruhe bringen und aufbauen: „Es wird alles wieder gut werden.“ So die Botschaft.

 

Gott solidarisiert sich mit dem Menschen. Wir Christinnen und Christen glauben sogar, dass Gott selbst ohnmächtig wurde, um alle menschlichen Erfahrungen mit uns zu teilen. So gibt er uns Halt in dieser Zeit, Hoffnung für die Zukunft, Kraft und Ausdauer. Vielleicht wird es noch viele Wochen dauern, bis wir unsere entfernten Lieben wieder in den Arm nehmen können. Vielleicht können unsere Kinder erst im Sommer wieder auf den Spielplätzen miteinander toben.

Aber der Trost ist angekündigt und wird darum jetzt schon wirksam. Der trotzige Trost Gottes, kraftvoll und aufbauend: Es wird alles wieder gut. Du schaffst das. Wir schaffen das!

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Amen.

 

Gebet

Guter Gott, in dieser Zeit bitten wir Dich um Kraft und Geduld, die Einschränkungen zu ertragen, die Ungewissheit auszuhalten.

Stärke Du uns, lass uns den Blick für das Gute in der Welt nicht verlieren. Für die viele Hilfe, die stattfindet. Für die Solidarität.

Schenke uns Einsicht und Umsicht.

Guter Gott, wir bitten Dich im Besonderen für alle, die erkrankt sind. Und für Ihre Angehörigen. Dass Sie gute Worte hören, die sie aufbauen, dass Sie Deine Nähe spüren. Wo es uns möglich ist, Zuspruch zu geben, da gib Du uns die richtigen Worte.

Schütze diejenigen, die in den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen, in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung ihren Dienst tun. Dass auch sie die richtigen Worte finden und helfen können. Dass Sie die Möglichkeiten haben, dass es weitergehen kann.

Wir Stärken uns an Deinem Wort, wir bergen uns und unsere Lieben in Deinem Gebet:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib‘ uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Zum Nachlesen und Nachdenken

Estomihi, 3. März 2019 (pdf) - eine gereimte Predigt zu Maria und Marta und der Frage des Unterbrechens.

4. Advent 18 (mp3 zum hören und pdf zum Lesen) - sich freuen über die Barmherzigkeit

19. Sonntag nach Trinitatis (7.10.2018), mp3 und pdf) - ich war's. wer betet, lebt zwei Mal.

7. Sonntag nach Trinitatis (15.7.18, mp3) - wenn ... dann ... eins werden (über Ansprüche, Werte und aufeinander aufbauen)

GEH DEINEN WEG MIT GOTT - Konfirmation, 6 .Mai 2018 (pdf) und die Predigt zum hören (mp3). Piano und Sprechgesang: Julia Kaiser, Sprech(gesang) Ralf Brennecke

Estomihi, 11. Februar 2018 (pdf) - eine gereimte Predigt zur Kritik des Amos (5,21-24) - auch zum hören.

Konfirmation, 21. Mai 2017 - Predigt "Du machst alles neu" (als mp3 zum hören und pdf zum lesen) Gitarre: Hannah Haag, Text+: Ralf Brennecke

Okuli, 19. März 2017 (pdf) - Predigtgedanken zu einem radikalen Dasein, Geld und dem loslassen.

Estomihi, 26. Februar 2017 (pdf zum Lesen, mp3 zum Hören): eine gereimte Predigt zum notwendigen Einen in der Vielfalt. Gedanken zu Maria und Marta, Lk 10,38-42.

Weihnachten 2016, 25. Dezember (mp3 zum hören): gesehen werden, Micha 5.

8. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli 2016 (pdf zu lesen, mp3 zum hören der Predigt): Kinder des Lichts.

Ich wünsch Dir noch ein geiles Leben - die Konfirmations-Predigt zum anhören (mp3) - Piano: Bianca Nabholz, Text&Gesang: Ralf Brennecke

Konfirmation, 8. Mai 2016 (pdf) - der ganze Gottesdienst mit Texten der Konfis/Pfr

Judika, 13. März 2016 (pdf) - vom lernen und gehorchen (Hebr 5)

Okuli, 28. Februar 2016 zum anhören (mp3) - eine grundlegende Predigt zum Leben: geliebt! (Eph 5)

Estomihi, 7. Februar 2016 (pdf) - eine gereimte Predigt zum Hohenlied der Liebe

Letzter Sonntag im Kirchenjahr (Ewigkeitssonntag, 22. November 2015): eine Predigt aus einem Gleichnis Jesu (Mt 25,1-13) - nicht davonlaufen, wenn etwas fehlt oder ich feststelle, dass ich unklug gehandelt habe. Dumm wäre es, nicht auf Gottes Liebe und Vergeben zu vertrauen.

11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2015: eine Predigt vom vergleichen und vom verachten und der Frage, wer ich bin?! Lk 18,9ff. - zum anhören.

10. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 2015: eine Predigt über Gefühle und das "erkennen, was dem Frieden dient" zum anhören.

angstlos - angenommen: Die Predigt zur Konfirmation 2015 zum anhören (mp3) - Piano: Bianca Nabholz, Text: Ralf Brennecke

Konfirmation, 10. Mai 2015 (pdf) - der ganze Gottesdienst mit Texten der Konfis/Pfr

Karfreitag, 3. April 2015 (pdf) - Gott würfelt nicht, er liebt.

Judika, 22. März 2015 (pdf) - vom nachfolgen, dienen und herrschen

Invokavit, 22. Februar 2015 (pdf) - der erste Fastensonntag; versucht...

Estomihi, 15. Februar 2015 (pdf) - eine gereimte Predigt zum Leiden und Leben

ReFORMationstag 2014 zum anhören (mp3) - Flöte: Judith Polster, Text: Ralf Brennecke, Zitat: Michael Welker, Reformation heute, in: Welker u.a., Die Reformation. Potentiale der Freiheit, Tübingen 2008. 

Der Glücks-Rap zur Konfirmation 2014 zum anhören (mp3) - Piano: Bianca Nabholz, Text/Sprechgesang: Ralf Brennecke

Konfirmation, 18. Mai 2014 (pdf) - der ganze Gottesdienst mit Texten der Konfis/Pfr

Invocavit, 9. März 2014 (pdf) - ein Versuch über Versuchungen

Estomihi, 2. März 2014 (pdf) - eine gereimte Predigt zum Fasten & Feiern

Sexagesimae, 23. Februar 2014 (pdf) - zum Abschluss der Ökum. Bibelwoche JOSEF

Weihnachten 2013, 26.12.2013 (pdf) - ein Fragebogen

Trinitatis, 26. Mai 2013 (pdf) - über den Segen

Exaudi, 12. Mai 2013 (pdf) - 20 Jahre Partnerschaft Le Mayet/Vogt - lebendige Zeichen

Ostersonntag, 31. März 2013 Familiengottesdienst (pdf) - beim Namen genannt.

Karfreitag, 29. März 2013 (pdf) - allein

Okuli, 3. März 2013 (pdf) - (aus-)brennen. wofür?

Estomihi, 10. Februar 2013 (pdf) - eine gereimte Predigt zum Sehen

Altjahresabend, 31. Dezember 2012 (pdf) - die Wahrheit wird euch frei machen.

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, 18. November 2012 in Vogt (pdf) - erinnern und vergessen. eine Predigt zum Abschluss einer Veranstaltungsreihe "Demenz".

Miserikordias Domini, 29. April 2012 (pdf) eine Predigt zur Verantwortung von Führungspersonen - und wie die Mitmenschen diese unterstützen können

Estomihi, 19. Februar 2012 (pdf) eine gereimte Predigt zur Kritik Amos

Estomihi, 6. März 2011 (pdf) eine gereimte Predigt zu Maria und Marta

Judika, 21. März 2010 (pdf) zur Investitur von Pfr. Brennecke

 

 

Sie möchten gerne noch einmal hören, was im Gottesdienst gesagt wurde?

Sie oder ein Bekannter können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zum Gottesdienst kommen? 

Dann haben Sie die Möglichkeit, die Gottesdienste nach-zuhören. Wir nehmen manche Gottesdienste auf. Diese CD's können Sie ausleihen und anhören.
Sie finden bereits einige CD's in einer Mappe in der Kerzenecke (in dem Ständer mit dem Gebets- und Gästebuch) der Christuskirche. Bringen Sie die CD nach Gebrauch wieder zurück. Und falls Sie keine Möglichkeit haben, eine CD zu hören, dann rufen Sie im Pfarramt an und wir leihen Ihnen einen CD-Spieler.

 

Sie sind herzlich eingeladen, zu den Predigten und Gottesdiensten Rückmeldung zu geben, oder ein Gespräch darüber zu führen. Falls am Sonntag nach der Kirche zu wenig Zeit bleibt, nutzen Sie die Gelegenheit und nehmen in anderer Weise Kontakt zum Pfarramt auf.

Unterbrechungen im Alltag

Kanzel in der Christuskirche

Unsere Gemeindegottesdienste sind eine gute Möglichkeit, den Alltag der Woche zu unterbrechen, und sich im gemeinsamen Feiern und Hören auf Gottes Wort immer wieder neu auszurichten.

Am Sonntagmorgen beginnt der Gottesdienst entweder um 9:00 oder 10:15 Uhr. Jeweils zur anderen Zeit gibt es in Atzenweiler den Gottesdienst. Abendmahl feiern wir monatlich, meist am letzten Sonntag um 10.15 Uhr im Monat (mit Einzelkelch und Traubensaft).

Am ersten Spätgottesdienst im Monat gibt es das Angebot eines "Ständerlings" - nach dem Gottesdienst noch ein bisschen zusammenstehen und am Leben der anderen teilhaben. Das ganze mit einer Tasse Tee oder Kaffee und kleinen Knabbereien.

 

Bitte melden Sie sich im Pfarramt, wenn Sie zum Gottesdienst mitgenommen werden möchten. Es gibt viele Menschen, die Sie gerne mit dem Auto mitnehmen. Der Gottesdienst wird auf CD aufgenommen. Sie können ihn damit in aller Ruhe Zuhause nachhören und so an unserer Gemeinschaft teilhaben.

Das Kirchenjahr

Das Kirchenjahr als Summe aller Sonn- und Feiertage entfaltet das Christuszeugnis im Rhythmus der Zeit. Es beginnt mit dem Advent und endet mit dem Ewigkeitssonntag.

Mehr Informationen und einen Wegweiser durch das Kirchenjahr gibt es im Evang. Gesangbuch auf der Seite 1513.
 
Weiterführende Links:

 

Das Kirchenjahr auf den Seiten der VELDK

 

Evangelische Liturgie
http://www.evangelische-liturgie.de/