Die evangelische Kirche in Vogt. Vom Betsaal zur Christuskirche

Glockenturm

Bescheidene und zugleich weitblickende Anfänge

„Die Verhältnisse in Vogt sind derart, daß die 58 Seelen starke Gemeinde daran denken muß, einen eigenen gottesdienstlichen Raum zu bekommen. Je länger je weniger kann es den beiden Familien Huonker zugemutet werden, jeden 2. Sonntag die evangelische Gemeinde Vogt in ihrem Haus aufzunehmen. – Außerdem ist das Zimmer so nieder und klein, daß es den Evangelischen von Vogt nicht zu verdenken ist, wenn sie sich danach sehnen, bald in einem zwar bescheidenen und einfachen, aber würdigen Saal Gottesdienst feiern zu können. (…) Nach reiflicher Überlegung aller Umstände kam der Kirchengemeinderat Vogt zu dem Entschluß, einen in der Nähe von Vogt gelegenen Bauplatz zu kaufen.“


Am 20. Juni 1900 informierte Pfarrverweser Rietheimer aus Atzenweiler mit diesen Worten den Ravensburger Diözesanausschuss, dass die Vogter Kirchengemeinde einen „in der Nähe von Vogt gelegenen Bauplatz“ erworben hatte. Das gekaufte Grundstück in der Bergstraße gehörte dem Adlerwirt Kitzelmann und liegt heute mitten im Dorf. Der Kauf war eine weise Entscheidung. Eigentlich war es damals nahe liegender auf evangelischen Grund und Boden zu bauen, sprich: Einen Bauplatz auf einem der umliegenden evangelischen Bauernhöfe zu wählen. Doch die kleine Gemeinde suchte die räumliche Nähe zum Dorf.


Geradezu verwegen wirken die Pläne für die Errichtung einer eigenen Kirche: mit insgesamt 18 (!) wahlberechtigten Männern plante die kleine Gemeinde eine Kirche, die gut 150 Sitzplätze umfassen sollte. In wenigen Monaten hatten die fünf Kirchengemeinderäte zusammen mit Architekt Fetzer aus Ulm ein ansehnliches Baugesuch fertig. Großzügig im Raumangebot und gefällig in den Proportionen sollte die Kirche werden, im damals üblichen neugotischen Stil. Dieser zum Himmel aufstrebende Baustil bildet sich im Chor, den Fenstern und auch den Ornamenten ab. Ohne eine kräftige Finanzspritze durch das „Gustav-Adolf-Werk“, eine bis heute bestehende Hilfsorganisation für evangelische Diasporagemeinden, wäre dieses Vorhaben undenkbar gewesen.

Doch trotz der Unterstützung von außen blieb der Bau der Kirche für die kleine evangelische Gemeinde ein enormer Kraftakt. Wo immer möglich, verzichteten die Bauern auf bezahlte Fachhandwerker und legten selbst Hand an. Auch mit dem Material wurde gespart. Als bei der grundlegenden Sanierung im Jahr 2001 der Fußboden geöffnet wurde, kam die z. T. nur 7 cm dünne Betonschicht zum Vorschein, die vor 100 Jahren als Unterboden hereingeschaufelt worden war.


Gleichzeitig entdeckte man ein anderes Detail der ersten Bauphase, das illustriert, wie knapp auf Termin damals gearbeitet wurde. Eine Holzdiele unter den Bänken war von unten mit Schreiner-Graphit beschriftet: „Diesen Boden legten die Zimmerleute Joseph Eger & Joseph Gomm beide gebürtig von Mühlenreute Gemd. Schlier im Jahre des Herrn 1901 am 20.November“ – genau eine Woche vor dem offiziellen Einweihungsgottesdienst am 27.11.1901!


Glockentöne mit tieferem Sinn


Die Kirchengemeinde erhielt in der Bauphase manch überraschendes Geschenk. Eine französische Künstlerin aus Berlin veranstaltete zusammen mit Schülern Wohltätigkeitskonzerte und Lesungen zugunsten des Kirchenbaues. Die Spenden von DM 270 und DM 188 wurden zum Kauf der ersten beiden Glocken verwendet. Eine davon läutet noch heute zum Gottesdienst. Sie trägt die Inschrift: „Ehre sei Gott in der Höhe. 1901 gestiftet von Mathilde Béguin. Umgegossen 1955. Vogt 1955“.

Die beiden Glocken in hellen B- und G-Tönen waren in Stuttgart in der Gießerei Kurz gegossen worden und riefen nun die evangelischen Siedler von mittlerweile 16 verschiedenen Höfen alle 14 Tage zum Gottesdienst. Doch nicht lange konnten sie sich am Klang der beiden Glocken erfreuen. Im Ersten Weltkrieg wurde die kleinere Glocke vom Staat eingezogen und zu Munitionszwecken eingeschmolzen. Glocken wurden zu Granaten – ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte, das sich bald wiederholen sollte. Die neue, sehr viel größere Glocke, die 1924 von Andreas Rost als Ersatz gestiftet worden war, wurde 1942 vom Staat eingezogen und ebenfalls eingeschmolzen. Sie trug die Inschrift „Friede sei mit euch“.


Erst 1953 konnte diese Glocke ersetzt werden. Dabei wurde festgestellt, dass die ältere, nun kleinere Glocke zwei Durchschüsse aufwies. Man ließ sie deshalb 1955 umgießen. Seither läutet es vom Dachreiter der evangelischen Kirche: „Friede sei mit euch“ und „Ehre sei Gott in der Höhe“.

Die Christuskirche mit neuem Kirchturm 1931

Aus dem Turm wird ein luftiges Glockengestell

Wer heute Sonntagsmorgens zum Gottesdienst geht, sieht die schwingenden Glocken über dem Eingangsgiebel. Das war nicht immer so. In den ersten Jahren zierte die Kirche ein spitzer, geschlossener Glockenturm, der allerdings gerade mal 11 Jahre alt wurde. 1912 schreibt der Protokollant des Kirchengemeinderats: „Die Kirche liegt an exponiertester Stelle in Vogt und ist wie kein Vogter Gebäude Wind und Wetter ausgesetzt“. Der zum Dachstuhl offene Holzturm mit seinen lamellenartigen Schallfenstern war angefault, das ganze Dachgebälk der Kirche litt unter dem zugigen Klima. Nach langen Beratungen entschied man sich schließlich für einen neuen, separaten Glockenaufbau mit eigenem Dach - für heutige Betrachter ein charakteristisches und hübsches Detail, das der Kirche gut zu Gesicht steht.

Laufende Sanierungen in den ersten 50 Jahren – ein Fass ohne Boden

Im gleichen Jahr 1912 ging man erstmals ein bauphysikalisches Problem an, das der Kirche bis ins Jahr 2000 zu schaffen machte: die zerstörerische Wandfeuchte. Um wenigstens das Schwitzwasser der bleiverglasten Fenster aufzufangen brachte man 1912 kleine Metallkästchen unterhalb an, die seither regelmäßig geleert werden können. Der Putz im Altarraum war schon so stark durchfeuchtet, dass man darüber nachdachte, das Chorfenster zuzumauern und gegen ein kleineres, rundes Fenster zu ersetzen. Die Reparaturkosten überstiegen mit 3177 Mark weit die Möglichkeiten der kleinen Gemeinde. Sitzungsprotokolle der folgenden Jahre zeigen, dass dieses Thema noch lange gärte. Noch im August 1914 war zu lesen: „Eile tut not, die Gläubiger warten…“ (Aug. 1914).

Die mageren Finanzen nötigten den Kirchengemeinderat auch, die längst beschlossene Ausmalung der Kirche immer wieder zu verschieben. Erst 1921, zum 20jährigen Jubiläum, waren die 3578 Mark aufgebracht. Gold-grüne Ornamentfriese und dunkelrote Zierstriche zierten seither gut 30 Jahre lang die Wände. Die jetzigen Ornamente geben Teile der damals noch reicheren Ausgestaltung wieder, allerdings in dezenteren Farben.

Im Sommer 1931 wurde in einem Großeinsatz der ganzen Gemeinde der Kirchgarten neu angelegt, alte Apfelbäume und Tannen rund um die Kirche wurden gefällt, die Helfer pflanzen stattdessen an der Grundstücksgrenze eine Thujahecke und vor dem Kircheneingang zwei Eiben. Die breite Hecke prägte dann auch nachhaltig die Außenansicht der Kirche, bis zur neueren Rodung im Jahr 1999, wo sie gegen junge Buchspflanzen und einen dekorativen Zaun ersetzt wurde.

Alle paar Jahre gab es in und an der Kirche kleinere Reparaturen, 1927 musste wegen Trockenfäule sogar der halbe Dachstuhl erneuert werden. Für umfassende Renovierungen fehlte jedoch lange das nötige Geld. Als am 1. Advent 1951 das 50. Jubiläum gefeiert wurde, waren die gröbsten Schäden der Krisenjahre behoben, größere Investitionen und Verbesserungen mussten noch verschoben werden.

Taufstein

Modernisierungen und "Verschlimmbesserungen" - die zweiten 50 Jahre

Bis in die 1950er Jahre waren die beliebtesten Bankplätze vorne links – zumindest an kalten Wintersonntagen. Dort stand der schwarze Holzofen mit langem Rohr, damals die einzige Heizmöglichkeit der Kirche. Alte Fotografien zeigen noch den Kamin, der die Symmetrie des Daches unterbrach.

1960 fiel der Holzofen einer umfassenden Renovierung zum Opfer. Elektrische Heizstrahler wurden unter die Bänke montiert. Die Kirche wurde gleichmäßig warm – bei entsprechendem Stromverbrauch.

Im gleichen Jahr wurden die Bänke, die Emporenbrüstung und die Treppe grau überstrichen. Die Wandornamente mussten einem neutralen hellen Farbton weichen. Die Kirche erhielt stattdessen ein farbiges Chorfenster, entworfen und umgesetzt vom Kunstglaser Bernhardt aus Ravensburg. Das rote Band des Fensters wurde am Altarbogen durch einen roten Zierstrich aufgegriffen. Die ganze Kirche erhielt einen neuen Fußbodenbelag aus hellem Solnhofer-Kalk. Als Windfang wurde ein kleiner Vorbau errichtet, der den ursprünglichen Spitzbogen am Eingang verdeckte. 1965 wurde der Altarraum mit einem mächtigen Steinaltar samt Podest umgestaltet.

Der einheitliche, neugotische Stil der Kirche war durchbrochen, das Holz der Bänke mit Farbe verdeckt – die Kirche war in den 1960ern moderner geworden.

In jenen Jahren konnte die Gemeinde auch ein anderes, längst überfälliges Projekt in Angriff nehmen: Oben auf der Emporenmitte stand immer noch das kleine, damals schon fast 100 Jahre alte Harmonium. Für die Gottesdienste in der Wohnstube war es ausreichend gewesen, für die Kirche war es viel zu klein. Seit 1966 wird die Gemeinde nun von einer echten Orgel begleitet – ein Instrument in bescheidener Größe steht auf der linken Emporenseite.

1978 und 1985 wurde die Kirche in zwei Phasen erneut renoviert, diesmal im Wesentlichen von außen. 1978 bekam die Kirche einen neuen Außenputz und eine umlaufende Drainage. Die Strebepfeiler wurden oben mit Kupfer- und Aluminiumblechen verkleidet und die Sakristei erhielt einen Wasseranschluss. Wegen der finanziellen Belastungen des parallelen Gemeindehaus-Neubaus wurde der Maler beauftragt, die Kirche „einfach zu überstreichen“. Andere Vorhaben, wie die Freilegung des Wandfrieses und das Ablaugen der Bänke wurden auf unbestimmte Zeit zurückgestellt. 1985, in der zweiten Phase, erfolgten umfangreiche Reparaturen am Dach. Der Eingangsweg wurde mit Natursteinen neu gestaltet, der alte Kamin in der Sakristei abgebrochen und im ehemaligen Kohlenraum ein WC eingebaut. Das Chorfenster erhielt eine Schutzverglasung und der Chorraum eine moderne Beleuchtung. Seit 1989 hat die Kirche auch eine Lautsprecheranlage.

Feinarbeiten

Die großen Innenrenovierung zum Hundertjährigen

Als im Mai 2001 die letzte Renovierung begann, konnte noch niemand ahnen, wie weit reichend die Veränderungen sein werden. Was zunächst als kleine „Schönheitsoperation“ geplant war, entwickelte sich zur grundlegenden Innensanierung mit wärmegedämmtem Fußboden, Wandtemperierung im seitlichen und vorderen Sockelbereich, erneuerten Bankpodesten und ausstellbaren Seitenfenstern. Am auffälligsten sind jedoch der neu gestaltete Altarraum und die neue Farbgebung der Wände. Der schwere Steinaltar samt Podest wich einem Altartisch aus Holz, der in seinem Gestell die Form des Chorbogens aufgreift. Der Altartisch und das Taufbecken wurden von Schreiner Manfred Buchmann aus Vogt entworfen und gefertigt.

An den Wänden gelang dem Restaurator die Verbindung aus den Ornamentmustern von 1921 und den rötlichen Zierstrichen von 1960 – beide Gestaltungselemente waren seit 1978 übermalt gewesen. Auch die Bänke, die Emporenbrüstung und die Treppe zeigen sich von Neuem im ursprünglichen Ton. Sie wurden vom grauen Anstrich von 1960 befreit und wirken nun wieder durch ihr warmes, lebendiges Holz.

In einem Festgottesdienst am 1. Advent 2001 – genau 100 Jahre nach dem ersten Gottesdienst im Vogter Betsaal – erhielt die kleine Kirche einen eigenen Namen: Sie heißt nun „Evangelische Christuskirche Vogt“.

Der Name ist Programm: Dieses Gebäude gründet sich letztlich nicht auf ein Fundament aus Stein und Beton, sondern auf die befreiende Botschaft des Neuen Testamentes, die von der Kanzel gepredigt und an Altar und Tauftisch spürbar erfahren wird. Im Neuen Testament heißt es einmal im Blick auf die christliche Gemeinde: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1.Kor 3,11).

Heute ist die Kirche eine helle, schöne Dorfkirche, die gerne besucht und als Traukirche genutzt wird. Sie bildet mit den sonntäglichen Gottesdiensten den Mittelpunkt des Gemeindelebens, und kommt räumlich nicht nur an den Weihnachtsgottesdiensten und der Konfirmation an ihre Grenzen.


Text: Ralf Brennecke nach einer Vorlage von Dorothee Zeller und Peter Rostan.
Quellen: Protokollbücher des Vogter Kirchengemeinderates; Unterlagen über Renovierungsmaßnahmen; Archiv im Pfarrhaus ... und Gespräche mit älteren Gemeindegliedern.

Nach der erfolgreichen Innenrenovierung,